Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Die Wahrheit - Ausnüchterung für Dogmatiker

12. 10. 2018 | Transzendenz und Glaube

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“Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.”
- Joh. 18, 37

Der Wahrheitsbegriff ist für Philosophie und Religion eminent. Um so auffälliger mag es daher sein, daß gerade die Frage nach der Wahrheit einmal das wohl berühmteste Schweigen in der Geistesgeschichte hervorgerufen hat. War nun dieses Schweigen auf die von einem römischen Gouverneur zu Beginn unserer Zeitrechnung gestellte Frage ein situativ bedingter Ausfall des Befragten (er stand inmitten eines Martyriums), oder war es gar die Antwort selbst – wird seither oft gefragt.

Für gewöhnlich erhält Wahrheit in der heutigen Zeit nur als Sachverhalt im wissenschaftlichen, justiziellen und medialen Bereich Relevanz oder als Wertung privater oder öffentlicher Bekenntnisse. Entsprechend kursieren in diesen Breiten diverse Wahrheiten, Unwahrheiten und Irrtümer.

Von der Einen Wahrheit spricht jedoch unsere Gegenwart selten noch. Das ist nicht leichtfertig zu verurteilen, denn gut konnte man damit ohnehin kaum umgehen, und wahrscheinlich ist es auch nicht leicht. Denn wer (außer waghalsige Philosophen) wird schon leichten Herzens eine Frage anfassen wollen, die nach nichts weniger als nach dem Wahr-Sein, nach dem Wesen also der Existenz fragt?

Da diese Frage dennoch selbsttätig in den Gemütern west, bediente sich die Gelehrsamkeit zu allen Zeiten diverser Kosmogonien. Die heutige besagt, daß die Welt vor der Zeit und im noch Raumlosen durch eine dort erfolgte Explosion ihre Anfänge nahm, bei welcher praktischerweise zugleich auch Raum und Zeit entstanden. Man muß sie nicht sehr hilfreich finden.

Die Wahrheit als Zustand und die hinderliche Suche nach der “wahren Lehre”

Und hilflos wird man vermutlich auch so lange bleiben, als man diese Wahrheit im Informellen sucht, wo man sie ausgestattet mit Vorstellungen und Begriffen erwartet.

Einen alternativen Bezug zu ihr bekäme man eventuell, wenn man eine logotechnische Feinheit beachten würde, die einschlägig eingesetzt wird: Es handelt sich um ein Formulierungsmuster, in welchem die Wahrheit nicht als Botschaft oder informatorische Einheit angesprochen wird, sondern als Zustand oder Situation. Man kenne sie zwar, aber weniger deswegen, weil man eines bestimmten Wissens teilhaftig wurde, sondern weil man sich in ihr, der Wahrheit, aufhält, weil man in ihr ist. So, wenn etwa Gott “im Geist und in der Wahrheit” angebetet werden soll, oder wenn rechtschaffene Menschen “in der Wahrheit wandeln” bzw. ein “Leben in der Wahrheit” führen, oder “aus der Wahrheit” kommen.

Dies bedeutet allerdings nicht, daß ihr, der Wahrheit, keine kognitive Präsenz zukäme, sie also nicht etwas wäre, was man - wie auch alle anderen Wahrheiten - mit Sinn und Vernunft erkennen und beschreiben könnte. Und Beschreibungen brauchen Begriffe. Diese letzteren wiederum bewahren bei allen Wahrheiten jeweils einen bestimmten Kontext. Denn da sie Antworten auf spezifische Fragen enthalten, müssen sie auch das für jeden Fall passende Gefäß zu der einschlägigen Antwort bieten. Man kann etwa Wahrheiten der Physik schlecht in einen juristischen Kontext einbetten. (Sonst könnten sich z. B. der oben umschriebene Urknall oder die unersättlichen Schwarzen Löcher im All am Ende als illegal herausstellen, womit moderne Rechtsstaaten vor einer ultimativen Herausforderung stünden…)

Nun ist die Wahrheit über Wesen und Bedeutung des Seins, also “Die” Wahrheit im letztendlichen Sinn, eine existentielle, d. h. eine das Sein selbst betreffende, und das dürfte sie von allen informell-inhaltlichen Wahrheiten grundlegender noch unterscheiden als bloß kontextual.

Aber: Unterscheiden sich nicht alle Wahrheiten auch darin (und sogar stärker noch als durch den unterschiedlichen Kontext ihrer begrifflichen Ausstattung), daß sie als Sachverhalte höchst unterschiedlich verifizierbar sind? Sind die Beweisführungen der Theorie eines Naturforschers durch Experiment, des Talents eines Schauspielers durch eine schauspielerische Darbietung, des Verdachts eines Kriminalisten durch eine lückenlose Harmonie von Spekulationsketten, nicht gänzlich unterschiedliche Vorgänge auf völlig diversen Segmenten unseres Kompetenzenspektums? Hat nicht jede Wahrheit auch ihr Vergegenwärtigungs-Milieu?

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