Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Die Wahrheit - Ausnüchterung für Dogmatiker

12. 10. 2018 | Transzendenz und Glaube

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Wohl ja, doch all diese Milieus, all diese Vergegenwärtigungsbereiche der diversen Wahrheiten besitzen ein Gemeinsames: Denn auch der nachforschende Kriminalist wird dankbar für jedes Beweismaterial sein, das er dem Richter zusätzlich zu seiner tadellosen Spekulationskette vorlegen kann. So unmittelbar vorlegen, wie der Mime sein Talent in der Aufführung oder der Forscher seinen Beweis im Experiment. “Hic Rhodus, hic salta!” (“Hier ist Rhodos, hier springe!”) “Hier”, das heißt Gegenwart. Es ist die Gegenwart, die verifizierend Wahrheiten erkürt.

Wahrheit und Gegenwart

Dieses maßgebende Verhältnis der Wahrheit zur Gegenwart gilt für die Eine, die existentiell-wesenhafte Wahrheit, direkter noch als für jede andere. Denn Existenz, anders etwa als eine vergangene Tat, findet immer in der Gegenwart statt, ja, nur in dieser! Nichts existiert, was einmal war oder einmal sein wird. Nur jetziges Dasein ist Existenz. Insofern kann eine existentielle Wahrheit dies nur sein, indem sie existiert, indem sie also in der Gegenwart stattfindet, indem sie sich unaufhörlich perpetuiert.

Ihre bloße Darlegung jedoch durch Begriffe oder Bilder könnte ihr diesen Status nicht gewähren, sind doch Begriffe und Vorstellungen selbst kaum länger gegenwärtig, als ihre Artikulation andauert. Daran liegt die dezente Trauer, die man oft dann verspürt, wenn Tiefgreifendes ausgesprochen wird, von dem man aber unmittelbar ahnt, daß es nicht auf seine Aussprache ankommt, sondern etwas ganz anderes damit im Menschen geschehen müßte, damit es von Nutzen ist.

Die Bedeutsamkeit der Gegenwärtigkeit, des Andauerns in der Gegenwart bei jener Einen Wahrheit, ist auch Gegenstand einer eindrucksvollen Anekdote um den namhaften Zen-Meister Joshu und einen Novizen, der sich dem Meister mit den Worten vorstellte: “Ich bin eben erst dem Kloster beigetreten und bin noch neu hier. Bitte unterrichte mich.” Joshu fragte ihn, “Hast du Deinen Reisbrei gegessen?” Der Mönch antwortete, “Ja, ich habe gegessen.” Daraufhin der Meister: “Dann solltest du lieber deine Reisschale waschen.” Dieser letzte Satz des Meisters soll nach der Erzählung den Mönch erleuchtet haben! Wie das denn, fragt man sich - vielleicht nicht nur - als Laie.

Nun, soweit diese Erzählung auf einer wahren Begebenheit beruht, machte Joshu dem Novizen, der ja in das Kloster eingetreten war, um den Weg zur “Erleuchtung” (so wurde dort das Erreichen der Einen Wahrheit genannt) anzutreten, klar, daß er diese nicht durch Unterweisung jedweder Art zu forcieren suchen sollte, sondern durch seine Hingabe an die Erfordernisse der Gegenwart, und diese forderten ihn zu jenem Zeitpunkt erst einmal dazu auf, seiner banal-profanen Verpflichtung nachzukommen, die von ihm geleerte Reisschale zu waschen. Keine tiefgründige meditative Unterweisung, sondern strikte, gar oberflächliche Gegenwärtigkeit wurde als Vorbedingung gefordert. Und das scheint dem Novizen spontan eingeleuchtet zu haben.

Die Erinnerung an die Gegenwart

Haben wir weiter oben gesagt, daß Begriffe und Vorstellungen nicht vermögen, der Wahrheit die nötige Gegenwärtigkeit zu gewähren, so soll jetzt gesagt werden, daß sie dies sogar verhindern. Denn Begriffe und Vorstellungen sind in der Vergangenheit gespeicherte Codes und die Wendung des Bewußtseins dorthin vereitelt das Sein in der Gegenwart. Meister Joshu hätte seinen Novizen – nach der Waschung seiner Reisschale - sicher als Nächstes auf die Notwendigkeit hingewiesen, sein Gemüt unbedingt von der hinderlichen mentalen Blase der umherschwirrenden Bilder und Begriffe freizumachen, die im Alltag ihm permanent die Gegenwart zersetzen. Dagegen sollte der Adept das gezielte, bewußte Denken so einüben, bis inneres Schweigen entstehen kann.

Was aber bleibt, fragt man sich nun, nachdem sich das Individuum seines gesamten mentalen Utensils durch einen Willensakt, der manch einem kaum möglich erscheinen mag, bis hin zu innerem Schweigen entledigt hat?

Was dann  bleibt, das ist zunächst jener wirksame Wille, der diesen Akt vollführte, welcher aber, begriffs- und bilderlos wie er jetzt ist, auch nichts mehr will, sondern als namenloses Walten im Zeitlosen währt, als pures verfügbares seelisches Potential. Das dazu gehörige Gefühl: Ein Gleichmut, da ja keine Gegen-Stände mehr vorhanden, deren Diversitäten das Gemüt in die Polarität von Zustimmung und Ablehnung, Behagen und Unbehagen führen könnten. Und drittens eine Art Denken, das nicht denkt, sondern nur ein Wissen enthält, etwas wie Erinnerung. Es ist das unaufhörliche Wissen von dem eigenen Existieren, das einer Erinnerung an die Gegenwart gleicht, und dieses Wissen, das sich selbst weiß, erkennt auch jenen befreiten Willen und die errungene emotionale Abgeklärtheit mit sich identisch und gibt der Dreiheit seinen Namen, einen, der nicht angerufen, sondern gewußt wird: “Ich” nämlich, das Wort in der Mitte des Seins. Oder des Schweigens.

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