Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
« ZURÜCK

Die Wahrheit - Ausnüchterung für Dogmatiker

12. 10. 2018 | Transzendenz und Glaube

PRINT

Das Ich und die Wahrheit

Das Schweigen also, von dem anfangs die Rede war, das Schweigen Jesu auf die Frage des römischen Provinzstatthalters Pontius Pilatus, was Wahrheit sei, könnte in der Tat die Antwort auf diese Frage dargestellt haben. Ersetzt könnte dieses Schweigen allenfalls durch einen früheren Spruch desselben “Dissidenten” werden, der gelautet hatte: “Ich bin… die Wahrheit.” Die Wahrheit: Der sich als eigenständige Selbstwahrnehmung und in Freiheit geistig tätiges “Ich-bin” wahrnehmende Mensch!

Erst in diesem Schweigen entfaltet sich die höchste (oder tiefste?) Erkenntnisgabe – die Gabe der Intuition. Ein mißbrauchtes Wort, das man heute als eine Art “Verstehen aus dem Bauch” mißdeutet, während es als Verstehen aus dem Geist selbst heraus gelesen werden sollte, aus dem ungetrübten begriffsfreien Geist. Allein ein auf diese Art anschauend verstehendes und verstehend anschauendes (Goethe) Gemüt vermag die Dinge nach ihrem Wesen abzuklopfen.

Und so sind wir an dem Ort angelangt, an welchem die Wahrheit nicht als Botschaft verkündet wird, sondern als Geisteszustand stattfindet. Es ist der Ort von welchem aus das sanfte Lächeln der Weisheit ausgeht, jenes Lächeln der erst Wenigen, die sich in der die Zeit aufhebenden Gegenwärtigkeit ihres Wahr-Seins (in der Lyrik oft “Der Augenblick” genannt) berechtigt sehen, eine Überholung des berühmten philosophischen Befunds, “Ich denke, also bin ich”, vorzunehmen: “Ich schweige, also bin ich erst recht.” Denn freilich ist die Instanz, die das Denken pausieren läßt, eine kompetentere als es selbst.

Da dieser Ort nur subjektiv erreichbar ist, ist auch dessen Wahrheit subjektiv. Und die Objektivierung ihrer Einsichten ist kaum möglich ohne den narrativen Stempel des Vermittlers bis hin zu sprachlicher Willkür. Objektiviert werden mußten die Einsichten, die von diesem Ort aus ausgingen, schon immer nur um sie erfolgreich zu kollektivieren, sie in katalogisierten Dogmen einzufrieren und so in den Dienst der Konfessionen für die Menschen außerhalb des Ortes der Weisheit zu stellen. Und da dies Machtverhältnisse generierte, waren bekanntlich religiöse Spannungen nicht selten blutige Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Erfreulich ist daher, daß es sich bei diesem Ort der Wahrheit zugleich um den Ort handelt, von dem aus auch das Ende der Religionen ausgehen wird. Denn deren Aufhebung wird nicht durch Verordnungen materialistischer Politik oder Umerziehung erfolgen, sondern in demselben Maß voranschreiten, in dem das Bewußtsein der Menschen - sei es im Zuge persönlichen Talents oder evolutionärer Reife – zum Orte der Wahrheit wird hinpilgern können. “Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen”, heißt, frei auch von Priestern und “Propheten”. Der Materialismus aber kennt weder den Ort der Wahrheit, noch kann er ihn kennenlernen. Da es ihn aber gibt, wird keinem Marxismus je gelingen, die Sehnsucht der sich dorthin bewegenden Menschheit, die Sehnsucht nach Transzendenz, abzublenden.

Die zunehmende Akzeptanz dieser Wahrheit, die Akzeptanz der Tatsache, daß jedes Individuum sein eigenes Priestertum innehat, und von diesem aus persönlich und in eigener Verantwortung Stellung zu den Wahrheiten, Unwahrheiten und Irrtümern seiner Zeit zu nehmen hat, unterstreicht nicht nur die menschliche Würde, sondern eignet sich auch dazu, die noch vorhandenen Spannungen zwischen Religionen einzudämmen.

Dieser Gedanke war die ursprüngliche Zündung der 68er-Bewegung, die, wie sich Ältere erinnern, künstlerisch-spiritueller Natur war (Woodstock, Hare-Krishna-Bewegung), bis sie von den Materialisten/Kommunisten übernommen wurde und heute leider Gottes in der Antifa ihre renommierte Reminiszenz hat. Ähnlich erging es den Grünen, wo dieselbe usurpatorische Klientel aus der berechtigten Sorge um die Natur einen Gängelungsapparat gegen die bürgerliche Gesellschaft konstruierte.

Hoffentlich lernt der konservative Westen, der sich erfreulicherweise erneut zu strukturieren beginnt, welche ideologische Einflüsse draußen bleiben müssen, wenn die Reise der Menschheit nicht weiter gefährdet sein soll.

Zurück aber zu unserem Gegenstand, wo eins noch geklärt werden soll: Die kosmogonische Konsequenz unserer Wahrheit nämlich, die Frage also, wie sich die Entstehung einer raumzeitlichen materiellen Dimension von einer zeitlosen Bewußtseinspräsenz heraus darstellen ließe, und inwieweit diese Darstellung die materialistische Version eines “Urknalls” herauszufordern in der Lage wäre. Doch lassen wir das ein Kapitel bzw. Essay für sich sein, das bei anderer Gelegenheit angegangen werden soll.

____________

PRINT

Seiten: 1 2 3