Die Wahrheit - Ausnüchterung für Dogmatiker

"Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme."
- Joh. 18, 37

Der Wahrheitsbegriff ist für Philosophie und Religion eminent. Um so auffälliger mag es daher sein, daß gerade die Frage nach der Wahrheit einmal das wohl berühmteste Schweigen in der Geistesgeschichte hervorgerufen hat. War nun dieses Schweigen auf die von einem römischen Gouverneur zu Beginn unserer Zeitrechnung gestellte Frage ein situativ bedingter Ausfall des Befragten (er stand inmitten eines Martyriums), oder war es gar die Antwort selbst – wird seither oft gefragt.

Für gewöhnlich erhält Wahrheit in der heutigen Zeit nur als Sachverhalt im wissenschaftlichen, justiziellen und medialen Bereich Relevanz oder als Wertung privater oder öffentlicher Bekenntnisse. Entsprechend kursieren in diesen Breiten diverse Wahrheiten, Unwahrheiten und Irrtümer.

Von der Einen Wahrheit spricht jedoch unsere Gegenwart selten noch. Das ist nicht leichtfertig zu verurteilen, denn gut konnte man damit ohnehin kaum umgehen, und wahrscheinlich ist es auch nicht leicht. Denn wer (außer waghalsige Philosophen) wird schon leichten Herzens eine Frage anfassen wollen, die nach nichts weniger als nach dem Wahr-Sein, nach dem Wesen also der Existenz fragt?

Da diese Frage dennoch selbsttätig in den Gemütern west, bediente sich die Gelehrsamkeit zu allen Zeiten diverser Kosmogonien. Die heutige besagt, daß die Welt vor der Zeit und im noch Raumlosen durch eine dort erfolgte Explosion ihre Anfänge nahm, bei welcher praktischerweise zugleich auch Raum und Zeit entstanden. Man muß sie nicht sehr hilfreich finden.

Die Wahrheit als Zustand und die hinderliche Suche nach der "wahren Lehre"

Und hilflos wird man vermutlich auch so lange bleiben, als man diese Wahrheit im Informellen sucht, wo man sie ausgestattet mit Vorstellungen und Begriffen erwartet.

Einen alternativen Bezug zu ihr bekäme man eventuell, wenn man eine logotechnische Feinheit beachten würde, die einschlägig eingesetzt wird: Es handelt sich um ein Formulierungsmuster, in welchem die Wahrheit nicht als Botschaft oder informatorische Einheit angesprochen wird, sondern als Zustand oder Situation. Man kenne sie zwar, aber weniger deswegen, weil man eines bestimmten Wissens teilhaftig wurde, sondern weil man sich in ihr, der Wahrheit, aufhält, weil man in ihr ist. So, wenn etwa Gott "im Geist und in der Wahrheit" angebetet werden soll, oder wenn rechtschaffene Menschen "in der Wahrheit wandeln" bzw. ein "Leben in der Wahrheit" führen, oder "aus der Wahrheit" kommen.

Dies bedeutet allerdings nicht, daß ihr, der Wahrheit, keine kognitive Präsenz zukäme, sie also nicht etwas wäre, was man - wie auch alle anderen Wahrheiten - mit Sinn und Vernunft erkennen und beschreiben könnte. Und Beschreibungen brauchen Begriffe. Diese letzteren wiederum bewahren bei allen Wahrheiten jeweils einen bestimmten Kontext. Denn da sie Antworten auf spezifische Fragen enthalten, müssen sie auch das für jeden Fall passende Gefäß zu der einschlägigen Antwort bieten. Man kann etwa Wahrheiten der Physik schlecht in einen juristischen Kontext einbetten. (Sonst könnten sich z. B. der oben umschriebene Urknall oder die unersättlichen Schwarzen Löcher im All am Ende als illegal herausstellen, womit moderne Rechtsstaaten vor einer ultimativen Herausforderung stünden…)

Nun ist die Wahrheit über Wesen und Bedeutung des Seins, also "Die" Wahrheit im letztendlichen Sinn, eine existentielle, d. h. eine das Sein selbst betreffende, und das dürfte sie von allen informell-inhaltlichen Wahrheiten grundlegender noch unterscheiden als bloß kontextual.

Aber: Unterscheiden sich nicht alle Wahrheiten auch darin (und sogar stärker noch als durch den unterschiedlichen Kontext ihrer begrifflichen Ausstattung), daß sie als Sachverhalte höchst unterschiedlich verifizierbar sind? Sind die Beweisführungen der Theorie eines Naturforschers durch Experiment, des Talents eines Schauspielers durch eine schauspielerische Darbietung, des Verdachts eines Kriminalisten durch eine lückenlose Harmonie von Spekulationsketten, nicht gänzlich unterschiedliche Vorgänge auf völlig diversen Segmenten unseres Kompetenzenspektums? Hat nicht jede Wahrheit auch ihr Vergegenwärtigungs-Milieu?

Wohl ja, doch all diese Milieus, all diese Vergegenwärtigungsbereiche der diversen Wahrheiten besitzen ein Gemeinsames: Denn auch der nachforschende Kriminalist wird dankbar für jedes Beweismaterial sein, das er dem Richter zusätzlich zu seiner tadellosen Spekulationskette vorlegen kann. So unmittelbar vorlegen, wie der Mime sein Talent in der Aufführung oder der Forscher seinen Beweis im Experiment. "Hic Rhodus, hic salta!" ("Hier ist Rhodos, hier springe!") "Hier", das heißt Gegenwart. Es ist die Gegenwart, die verifizierend Wahrheiten erkürt.

Wahrheit und Gegenwart

Dieses maßgebende Verhältnis der Wahrheit zur Gegenwart gilt für die Eine, die existentiell-wesenhafte Wahrheit, direkter noch als für jede andere. Denn Existenz, anders etwa als eine vergangene Tat, findet immer in der Gegenwart statt, ja, nur in dieser! Nichts existiert, was einmal war oder einmal sein wird. Nur jetziges Dasein ist Existenz. Insofern kann eine existentielle Wahrheit dies nur sein, indem sie existiert, indem sie also in der Gegenwart stattfindet, indem sie sich unaufhörlich perpetuiert.

Ihre bloße Darlegung jedoch durch Begriffe oder Bilder könnte ihr diesen Status nicht gewähren, sind doch Begriffe und Vorstellungen selbst kaum länger gegenwärtig, als ihre Artikulation andauert. Daran liegt die dezente Trauer, die man oft dann verspürt, wenn Tiefgreifendes ausgesprochen wird, von dem man aber unmittelbar ahnt, daß es nicht auf seine Aussprache ankommt, sondern etwas ganz anderes damit im Menschen geschehen müßte, damit es von Nutzen ist.

Die Bedeutsamkeit der Gegenwärtigkeit, des Andauerns in der Gegenwart bei jener Einen Wahrheit, ist auch Gegenstand einer eindrucksvollen Anekdote um den namhaften Zen-Meister Joshu und einen Novizen, der sich dem Meister mit den Worten vorstellte: "Ich bin eben erst dem Kloster beigetreten und bin noch neu hier. Bitte unterrichte mich." Joshu fragte ihn, "Hast du Deinen Reisbrei gegessen?" Der Mönch antwortete, "Ja, ich habe gegessen." Daraufhin der Meister: "Dann solltest du lieber deine Reisschale waschen." Dieser letzte Satz des Meisters soll nach der Erzählung den Mönch erleuchtet haben! Wie das denn, fragt man sich - vielleicht nicht nur - als Laie.

Nun, soweit diese Erzählung auf einer wahren Begebenheit beruht, machte Joshu dem Novizen, der ja in das Kloster eingetreten war, um den Weg zur "Erleuchtung" (so wurde dort das Erreichen der Einen Wahrheit genannt) anzutreten, klar, daß er diese nicht durch Unterweisung jedweder Art zu forcieren suchen sollte, sondern durch seine Hingabe an die Erfordernisse der Gegenwart, und diese forderten ihn zu jenem Zeitpunkt erst einmal dazu auf, seiner banal-profanen Verpflichtung nachzukommen, die von ihm geleerte Reisschale zu waschen. Keine tiefgründige meditative Unterweisung, sondern strikte, gar oberflächliche Gegenwärtigkeit wurde als Vorbedingung gefordert. Und das scheint dem Novizen spontan eingeleuchtet zu haben.

Die Erinnerung an die Gegenwart

Haben wir weiter oben gesagt, daß Begriffe und Vorstellungen nicht vermögen, der Wahrheit die nötige Gegenwärtigkeit zu gewähren, so soll jetzt gesagt werden, daß sie dies sogar verhindern. Denn Begriffe und Vorstellungen sind in der Vergangenheit gespeicherte Codes und die Wendung des Bewußtseins dorthin vereitelt das Sein in der Gegenwart. Meister Joshu hätte seinen Novizen – nach der Waschung seiner Reisschale - sicher als Nächstes auf die Notwendigkeit hingewiesen, sein Gemüt unbedingt von der hinderlichen mentalen Blase der umherschwirrenden Bilder und Begriffe freizumachen, die im Alltag ihm permanent die Gegenwart zersetzen. Dagegen sollte der Adept das gezielte, bewußte Denken so einüben, bis inneres Schweigen entstehen kann.

Was aber bleibt, fragt man sich nun, nachdem sich das Individuum seines gesamten mentalen Utensils durch einen Willensakt, der manch einem kaum möglich erscheinen mag, bis hin zu innerem Schweigen entledigt hat?

Was dann  bleibt, das ist zunächst jener wirksame Wille, der diesen Akt vollführte, welcher aber, begriffs- und bilderlos wie er jetzt ist, auch nichts mehr will, sondern als namenloses Walten im Zeitlosen währt, als pures verfügbares seelisches Potential. Das dazu gehörige Gefühl: Ein Gleichmut, da ja keine Gegen-Stände mehr vorhanden, deren Diversitäten das Gemüt in die Polarität von Zustimmung und Ablehnung, Behagen und Unbehagen führen könnten. Und drittens eine Art Denken, das nicht denkt, sondern nur ein Wissen enthält, etwas wie Erinnerung. Es ist das unaufhörliche Wissen von dem eigenen Existieren, das einer Erinnerung an die Gegenwart gleicht, und dieses Wissen, das sich selbst weiß, erkennt auch jenen befreiten Willen und die errungene emotionale Abgeklärtheit mit sich identisch und gibt der Dreiheit seinen Namen, einen, der nicht angerufen, sondern gewußt wird: "Ich" nämlich, das Wort in der Mitte des Seins. Oder des Schweigens.

Das Ich und die Wahrheit

Das Schweigen also, von dem anfangs die Rede war, das Schweigen Jesu auf die Frage des römischen Provinzstatthalters Pontius Pilatus, was Wahrheit sei, könnte in der Tat die Antwort auf diese Frage dargestellt haben. Ersetzt könnte dieses Schweigen allenfalls durch einen früheren Spruch desselben "Dissidenten" werden, der gelautet hatte: "Ich bin… die Wahrheit." Die Wahrheit: Der sich als eigenständige Selbstwahrnehmung und in Freiheit geistig tätiges "Ich-bin" wahrnehmende Mensch!

Erst in diesem Schweigen entfaltet sich die höchste (oder tiefste?) Erkenntnisgabe – die Gabe der Intuition. Ein mißbrauchtes Wort, das man heute als eine Art "Verstehen aus dem Bauch" mißdeutet, während es als Verstehen aus dem Geist selbst heraus gelesen werden sollte, aus dem ungetrübten begriffsfreien Geist. Allein ein auf diese Art anschauend verstehendes und verstehend anschauendes (Goethe) Gemüt vermag die Dinge nach ihrem Wesen abzuklopfen.

Und so sind wir an dem Ort angelangt, an welchem die Wahrheit nicht als Botschaft verkündet wird, sondern als Geisteszustand stattfindet. Es ist der Ort von welchem aus das sanfte Lächeln der Weisheit ausgeht, jenes Lächeln der erst Wenigen, die sich in der die Zeit aufhebenden Gegenwärtigkeit ihres Wahr-Seins (in der Lyrik oft "Der Augenblick" genannt) berechtigt sehen, eine Überholung des berühmten philosophischen Befunds, "Ich denke, also bin ich", vorzunehmen: "Ich schweige, also bin ich erst recht." Denn freilich ist die Instanz, die das Denken pausieren läßt, eine kompetentere als es selbst.

Da dieser Ort nur subjektiv erreichbar ist, ist auch dessen Wahrheit subjektiv. Und die Objektivierung ihrer Einsichten ist kaum möglich ohne den narrativen Stempel des Vermittlers bis hin zu sprachlicher Willkür. Objektiviert werden mußten die Einsichten, die von diesem Ort aus ausgingen, schon immer nur um sie erfolgreich zu kollektivieren, sie in katalogisierten Dogmen einzufrieren und so in den Dienst der Konfessionen für die Menschen außerhalb des Ortes der Weisheit zu stellen. Und da dies Machtverhältnisse generierte, waren bekanntlich religiöse Spannungen nicht selten blutige Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Erfreulich ist daher, daß es sich bei diesem Ort der Wahrheit zugleich um den Ort handelt, von dem aus auch das Ende der Religionen ausgehen wird. Denn deren Aufhebung wird nicht durch Verordnungen materialistischer Politik oder Umerziehung erfolgen, sondern in demselben Maß voranschreiten, in dem das Bewußtsein der Menschen - sei es im Zuge persönlichen Talents oder evolutionärer Reife – zum Orte der Wahrheit wird hinpilgern können. "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen", heißt, frei auch von Priestern und "Propheten". Der Materialismus aber kennt weder den Ort der Wahrheit, noch kann er ihn kennenlernen. Da es ihn aber gibt, wird keinem Marxismus je gelingen, die Sehnsucht der sich dorthin bewegenden Menschheit, die Sehnsucht nach Transzendenz, abzublenden.

Die zunehmende Akzeptanz dieser Wahrheit, die Akzeptanz der Tatsache, daß jedes Individuum sein eigenes Priestertum innehat, und von diesem aus persönlich und in eigener Verantwortung Stellung zu den Wahrheiten, Unwahrheiten und Irrtümern seiner Zeit zu nehmen hat, unterstreicht nicht nur die menschliche Würde, sondern eignet sich auch dazu, die noch vorhandenen Spannungen zwischen Religionen einzudämmen.

Dieser Gedanke war die ursprüngliche Zündung der 68er-Bewegung, die, wie sich Ältere erinnern, künstlerisch-spiritueller Natur war (Woodstock, Hare-Krishna-Bewegung), bis sie von den Materialisten/Kommunisten übernommen wurde und heute leider Gottes in der Antifa ihre renommierte Reminiszenz hat. Ähnlich erging es den Grünen, wo dieselbe usurpatorische Klientel aus der berechtigten Sorge um die Natur einen Gängelungsapparat gegen die bürgerliche Gesellschaft konstruierte.

Hoffentlich lernt der konservative Westen, der sich erfreulicherweise erneut zu strukturieren beginnt, welche ideologische Einflüsse draußen bleiben müssen, wenn die Reise der Menschheit nicht weiter gefährdet sein soll.

Zurück aber zu unserem Gegenstand, wo eins noch geklärt werden soll: Die kosmogonische Konsequenz unserer Wahrheit nämlich, die Frage also, wie sich die Entstehung einer raumzeitlichen materiellen Dimension von einer zeitlosen Bewußtseinspräsenz heraus darstellen ließe, und inwieweit diese Darstellung die materialistische Version eines "Urknalls" herauszufordern in der Lage wäre. Doch lassen wir das ein Kapitel bzw. Essay für sich sein, das bei anderer Gelegenheit angegangen werden soll.

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