Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Vom Glauben an die Auferstehung

13. 12. 2014 | Transzendenz und Glaube

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Diesen Prozeß versuchte Sokrates bei seinen Gesprächspartnern durch eine Dialogtechnik auszulösen, bei der er selbst den Nichtwissenden gab, welcher um das Wissen seines Gegenübers rang. Das bewirkte die Öffnung der anderen Person und ihre Bereitschaft, eigene Gehalte aus tieferen Schichten auszutragen, die bis dahin unbeachtet oder in unsoliden Urteilsverhältnissen gegliedert waren. Sinngemäß nannte Sokrates seine didaktische Methode “Mäeutik”, es wird mit Hebammenkunst übersetzt. Sokrates assistierte also mit seinen Fragen bei der Geburt von Einsichten bei seinen Klienten. Er stellte nichts her; er half, innere Gehalte so anzuordnen und umzuorganisieren, daß diese zu einem stimmigen und kohärenten Ganzen gerannen, das - so vervollkommnet - in die Welt, in das Bewußtsein getragen werden konnte.

Gleich nun, ob sich am Ende der Philosoph oder doch eher sein Gegenüber als der wahre bis dahin Unwissende herausstellte: Wir haben es bei diesen Dialogen mit einem Vorgang zu tun, der aus losen oder unfruchtbar zusammengefügten kognitiven Elementen, die als solche kein robustes Wissen abgeben konnten, leuchtende Einsichten werden ließ, die wie Morgenröte aus nächtlicher Trübe aufgingen. Solche “Geburten” sind das Beglückende in Sokrates’ Dialogen.

Wie nun stünde es mit dem Glauben, wenn auch diesem Nichtwissen zugrunde gelegt wird? Eine nicht aus externen Fakten gewonnene Gewißheit: Woher entlehnt sie ihren Gehalt und ihre Geltung vor dem Individuum?

In Naturreligionen entfaltet sich der Glaube nach heutiger Sicht entlang der Interpretation von Naturerscheinungen, hinter denen die Wirksamkeit übernatürlicher Wesen angesehen, also “geglaubt” wird. Durch Kulthandlungen wird das Sein des Einzelnen wie des Kollektivs in Übereinstimmung mit dem Wirken dieser Wesen zu bringen versucht. In den späteren Geistesreligionen mutiert der Glaube jedoch erheblich. Inwiefern?

Die Annahme, Gott sei Geist, die am lapidarsten die Überwindung des Heidentums umschreibt, begründet sich freilich im menschlichen Bewußtsein. Wann aber trat Geist in das menschliche Bewußtsein ein, bzw. was ist Geist? Wir sprechen auch Tieren Bewußtsein, aber keinen Geist zu. Denn unter Geist meinen wir ein Bewußtsein, das sich selbst erfaßt und sich selbst referiert. Wir meinen bewußte Identität.

Indem aber Identität bewußt wird, wird sie auch abstrakt, denn sie bezieht sich nunmehr weniger auf körperliches Befinden und Empfinden, sondern vor allem auf jene kognitive Akkumulation aus Wissen und Erinnerung, die ein mentales Ich ausmacht.

Das Gewahrwerden des Geistes in der Person und die Wertschätzung seiner Potenz als “Krönung der Schöpfung” hatte jenen Antagonismus zwischen Geist und Materie zur Folge, der die Geschichte des Denkens allerorts und zu allen Zeiten entschieden prägte. In seiner Zuspitzung besteht er im Widerstreit zwischen den beiden Auffassungen, in denen jeweils die Materie oder der Geist als konstituierende Prinzipien des Seins konkurrieren.

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