Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Vom Glauben an die Auferstehung

13. 12. 2014 | Transzendenz und Glaube

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Glaube und Auferstehung

Somit erscheint der Glaube in seiner Grundform: Nämlich nicht als ein passives, zu meist durch biographische oder gesellschaftliche Zusammenhänge bestimmtes Bekenntnis zu einer extern formulierten “Wahrheit” oder zu einer Autorität, sondern als dem Individuum innewohnende Funktion, die den intuitiv erfaßten Impulsen und Inhalten aus der neu aufzuschließenden Dimension exklusive Gewichtung und Handlungspriorität vor der objektiv reflektierten Realität zuteilt. Erst die sekundäre Form des Glaubens deutet auf jene “Gläubigkeit” hin, mit welcher sich Menschen dem Bekenntnis hingeben, das ihnen von Vertretern ihres – zumeist - heimatlichen Kultes vorformuliert wurde. Ein jeder Kult jedoch geht am Ende auf die erwähnte Grundform des Glaubens zurück, wie diese von ihrem Urheber über jenen Vollzug des Anschauens gewonnen worden war, den wir eben als Funktion charakterisierten.

Es soll hier nicht darauf eingegangen werden, welche evolutionäre Aufgabe diese Funktion erfüllen könnte. Es sei jedoch festgestellt, daß der Glaube aus eigenen Stücken seinen Inhalten Wesenhaftigkeit und Weltgültigkeit verschafft. Wie er zu solcher Selbstermächtigung gelangt, haben wir weiter oben bei der Beschreibung seines Kerns angedeutet. Betrachten wir hier einmal gesondert die innere Stimmigkeit dieses Kerns:

Hat der Mensch das existenzkonstituierende Prinzip von der Materie auf den Geist verlegt, dann ist dieser das Primäre, und die Materie das Sekundäre, sie ist lediglich ein noetisches Phänomen, sie ist Vorstellung. Die äußere Welt, wie diese sich im materiell belasteten Gehirn reflektiert, erklärt sich als Täuschung oder als etwas in der Folge der primären Wirklichkeit Angefallenes. Die unaufhörliche Neigung des Gedankens, in Visionen und Imaginationen überzugehen, erscheint als das natürliche Erbe seiner wahren Herkunft aus rein geistigen Untergründen. Sie erscheint wie die “Erinnerung” bei einer musikalischen Wiedergabe an das ferne Orchester, das sich in einer anderen Dimension konstituiert als derjenigen, in der sich die Rillen einer Schallplatte oder die digitalen Spuren des elektronischen Audiogeräts befinden.

Die Art des sich “erinnernden” Gedankens ist dem idealistisch geprägten Menschen so vorrangig, daß er den “nüchternen” Verstand des immanenten Alltags nur als eine verdorrte Ausfertigung des Denkens empfindet, die für die “niedereren” Belange seiner Physis steht. Die kühne Größe dieser Umkehrung der Wahrnehmung erfaßt ihren Träger stets aufs neue. Von dieser Dimension gibt es kein Zurück und gegen sie kein Argument. Denn so wie der Geist auch die Materie enthält, so enthält der Glaube auch alles positive Wissen, zu welchem der Glaubende durchaus Zugang hat, aber kaum mehr die allergrößte Wertschätzung.

In dieser Abgehobenheit liegen die Grundfacetten eines Menschentypus verdichtet, den man früher und je nach seiner biographischen Lage den Heiligen, den Eremiten oder auch den Künstler nannte. (Den Künstler allerdings, der seine Kunst aus eben jenem Raum der Vision schöpfte und nicht aus seinen gesellschaftspolitischen Überzeugungen.) Und wir werden nicht verneinen, daß diese Positionierung makellose Schlüssigkeit und logische Schärfe besitzt; für so manchen irritierend angesichts der entschiedenen “Unwissenschaftlichkeit”, der dabei offen gehuldigt wird.

Freilich stoßen hier zwei Welten aufeinander. Sogar etwas mehr als das: zwei Dimensionen nämlich, so hatten wir es weiter oben ausgemacht. Das ist deswegen mehr, weil zwei Welten nebeneinander existieren können, zwei Dimensionen aber nicht. Sondern die umfassendere muß die umschlossene mit derselben Notwendigkeit aufnehmen, mit der die algebraische Geometrie die euklidische aufnehmen mußte. Ein hehrer Anspruch ist das für den Glauben, ein Anspruch, der schon geschichtsträchtige Komplikationen beschert hat und noch immer beschert.

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