Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Vom Glauben an die Auferstehung

13. 12. 2014 | Transzendenz und Glaube

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Der geteilte Brotlaib nun war tags zuvor in Gemeinschaft mit Wein verzehrt worden. Brot und Wein: zwei Pflanzprodukte, jedoch nicht ganz Naturprodukte: Brot wie Wein werden aus Pflanzen gewonnen, die man Kulturpflanzen nennt, weil sie sich erst durch den Eingriff des Menschen zu der sie bestimmenden Aufgabe entwickelten. Natur und Kultur prototypisch in Brot und Wein vereint; in beiden sind Geist und Materie immanent, und dieser Geist ist diesmal der Mensch, jene Krönung der Schöpfung, die in der Dichtung auch der “Gott der Erde” genannt wird. Sollte nicht auch der Mensch als jener Ort in den Mythologien gemeint sein, in welchem die zerstückelten Götter und Repräsentanten des sich in der Welt verausgabt habenden Geistes wieder zum Leben und zu ihrer ursprünglichen Ganzheit erwachten? Aber mit welchem Mittel?

Es vergingen nur Stunden nach dem Mahl aus Brot und Wein, und die Kreuzigung fand statt. Es heißt: “Und sie trugen ihn an die Stätte Golgota, das ist übersetzt Ort des Schädels.”

Über den Namen dieses Hügels am Rande Jerusalems ist viel spekuliert worden. Er hieß Ort des Schädels, nicht Ort der Schädel, wie es der Fall wäre, wenn dies als Hinweis auf eine überlieferte Nutzung dieses Ortes für Exekutionen verstanden sein sollte. Legenden, es sei der Ort, an welchem der Schädel des Urmenschen Adam begraben liege, gehörten zur weiteren Spekulation wie auch schlicht die Annahme, daß allein die Form der Anhöhe der Grund für ihren Namen sei. Wie auch immer: Die Stätte hieß unerfindlicher Weise Ort des Schädels, desjenigen Segments der menschlichen Anatomie nämlich, das als höchste Stelle des aufrechten Menschen auch Haupt genannt wird, der Träger des menschlichen Antlitzes ist und als Totenschädel auch ein tradiertes Piktogramm des Todes. Vor allem aber ist er der Sitz des Gehirns, jenes Organs für den Geist.

Stirbt der Geist, entgegen aller Vorstellung der modernen Neurologie, in unserem Gehirn, und erleidet er dort jene Zerlegung, die als differenzierender Modus des Intellekts das Sein in unserer Wahrnehmung zu den unzähligen Dingen unserer Wirklichkeit splittert? Und ereignet sich auch daselbst Auferstehung, etwa indem sich das Denken unter die Führung jenes sich erinnernden Gedankens stellt, der die  neue Dimension des Innerlichen beleuchtet? Erinnerung (Ἀνάμνησις) stand als Begriff an eminenter Stelle während des genannten Abendmahls aus Brot, Wein und Liturgie. Solche Exegese käme den kosmogonischen Vorstellungen der oben genannten Mythologien nahe. Doch es steht hier nicht an, diesen Fragen eingehender nachzuspüren. Nicht direkt um die Wahrheit des Christentums, sondern um die ansprechende Relevanz seiner kulturanthropologischen Konturen geht es hier einmal:

Doch gerade bei einer solchen Betrachtung stellt die Passionsgeschichte, die das Zentrum der christlichen Heilsgeschichte bildet, nur die Kulmination einer im wahrsten Sinn chronischen Passion, die an sich das Sein in der Welt, in der Zeit selbst bedeutet: “In der Welt habt ihr Trauer”, wußte der Begründer des Christentums zu sagen. Es ging um die Überwindung des Todes, aber auch um die der Materie als Todeszustand des Geistigen. Demgemäß erfolgte auch die Auferstehung auf zwei Etappen, wovon die erste zunächst zurück in die Welt des biologischen Lebens führte, die zweite aber, die Himmelfahrt, darüber hinaus zu jenem Kontinuum im Außerweltlichen, das als Raum des autochthon Geistigen fungiert, dem “Himmel”. Das alles von einem Gott vollbracht, der zu diesem Zweck nicht im Vorstellungsraum der Mythologie bleiben konnte, sondern die Bühne der Zeit betreten mußte. Darin blieb er ganz, ungespalten bis zuletzt kraft eines Geistes, der heilig genannt wurde, da er Heil, also Ganzheit zu bewahren befähigt, oder auch Heilung bewirkt, nämlich die Rückführung in die Ganzheit und die Erlösung aus der Zerrissenheit in der Materie.

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