Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Vom Glauben an die Auferstehung

13. 12. 2014 | Transzendenz und Glaube

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Hier kulminiert also vieles. Die Vergangenheit, die mythisch-magische wird erfüllt, und die rational-geschichtliche Zeit wird zu einer Zukunft hin initiiert, die sie mit der Transzendenz verbindet. Und der Austragungsort dieser Wiederherstellung ist nicht mehr eine rituelle Gemeinschaft, weder eine mystische noch eine völkische, sondern das Individuum, die “Seele”, die zu ihrer Selbstwahrnehmung im Licht der hier erörterten Hergänge findet.

Das war nicht neu. Bereits der Buddhismus, die dem Christentum direkt vorangegangene Weltreligion, hatte wenige Jahrhunderte zuvor das Individuum zum selbständigen Subjekt der Vergeistigung gemacht. Als Bewußtsein allerdings: Dort stand die Lehre im Mittelpunkt, im Christentum die Person und die Biographie seines Begründers. Dort galt begreifen, hier durchleben. Dort Löschung des Ichs als Teiles der Welt, hier Sublimierung desselben bis zur Gerinnung der Person, die in der Welt existiert ohne ihre Ganzheit einzubüßen, ohne in ihr zerrissen zu werden. Dort der entnommene Mensch, hier der gewordene. War Christentum das Ende der Religionen?

Das wird hier behauptet. Geht doch aus dem obigen Vergleich hervor, daß beide Weltreligionen einem Impuls nachgingen, der zum einen die Individuation dem kollektivistischen Ritual vorzog, und zum anderen die Identifikation des Menschen mit seinem geistigen Ideal oder Ziel belegte; entfaltete die nacherschienene Weltreligion eine exorbitante Neigung des Rückfalls in die Totalritualisierung des Lebens, in die Herabsetzung des Individuums, und in ein Gott-Menschverhältnis, dem nicht essentielle Zugehörigkeit entspricht sondern absolute theokratische Unterwerfung. Sei an dieser Stelle eingeräumt, daß auch die kollektiven christlichen Institutionen eine ziemlich düstere Vergangenheit kennzeichnet, was die freie Darstellung des Christentums im Sinne seiner kulturanthropologischen Kompetenz anbelangt. Statt dessen ergingen sie sich in Jahrhunderte andauernden Kontroversen über eher belanglose Fragen der Christologie, um damit ihre oftmals leeren Dogmen zu begründen. Die von Paulus gerühmte “Freiheit der Söhne Gottes” kam dabei eher spärlich zum Einsatz.

Nichtsdestotrotz: Nach dem Dargestellten dürfte ersichtlich geworden sein, daß in der christlichen Glaubensmanifestation - begründet auf dem Auferstehungsereignis - das Wesen des Glaubens, welches ja seine eigene Auferstehung aus den Trümmern des Intellektualismus ist, sich auf solch grandiose Weise mit dem Inhalt des christlichen Glaubens vermählt, daß auch hier von einer Identifikation gesprochen werden kann.

Wir wissen nicht, wann und auf welchem Teil unserer Erde der gegenwärtige Mensch sich befähigt zeigen wird, der selbstauferlegten Dauerberieselung zu entkommen, mit der ihn die Gedankenblasen seines Gehirns ständig absorbieren. Tut er aber dies einmal, wird er vermutlich dabei auch ein tieferes Verständnis dafür entwickeln, warum er täglich auf seinem Kalender feststellen muß, daß unsere kulturhistorische Topographie, unsere Zeitrechnung, mit den Ereignissen um jenen ominösen Ort des Schädels so fest kodiert ist und mit dem Leben, Sterben und Wiederleben eines ganz bestimmten “Herrn”.

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