Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Die Übernächstenliebe oder die Kirchen in der Verwesung

18. 01. 2016 | Zeitgeschehen

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Die Böcke im “Weingarten des Herrn”

Joseph Ratzinger sieht den Untergang der antiken Religionen zur Zeit des aufkommenden Christentums im Widerspruch besiegelt, in dem die Philosophie jener Zeit mit der bis dahin überlieferten Religion, dem Mythos, stand: Sie hatte ihn lt. Ratzinger zwar überwunden, wollte ihn aber restaurieren, um seine sittlichen Potentiale zu erhalten, anstatt ihn zu revolutionieren (was am Ende das Christentum tat, indem es ihn in Geschichtliches umwandelte). Dadurch entstand jene Dekadenz, die Ratzinger im Tathergang sieht, “Religion als Sache der Lebensordnung” zu behandeln “und nicht als Sache der Wahrheit“4.

Es stimmt natürlich bedenklich, daß der Vertreter dieser Auffassung als Papst Benedikt XVI eine ganze Zeit an der Spitze seiner Kirche verbrachte, ohne daß seine klaren Ansichten die Wirkung erzielt hätten, seine Institution vor genau demselben Fehler zu bewahren. Und das ließe lebhaft über die Gründe spekulieren, warum er in einem geschichtlichen Sonderakt das Amt zu Lebzeiten niederlegte.

Solche Reduktion des Geistigen zum politisch Lebensordnenden (dem Islam von Anfang an eigen) gepaart mit dem aktuell geforderten gutmenschlich-sentimentalistischen Element läßt die westlichen Kirchen wie ehemals ehrwürdige Lehrstätten erscheinen, wie einstmalige Universitäten, die sich aber im Wandel der Epochen jeden Inhalts entledigt haben und heute nur noch die Mensa “in christlicher Nächstenliebe” verwalten, während sich allmählich Ratten bis zu den Altären vorwagen, Denker dagegen, die anthropologisch-kosmische Aspekte des Christentums abhandeln (z. B. Teilhard de Chardin), eher mit Argwohn aufgenommen werden.

Dabei wird ein formalistischer Gerechtigkeitssinn vernehmbar, der mitten aus dem materialistischen Klassenkampf kommt, und die Welt nach dem dort geltenden Schuldgefälle in Sollenden und Fordernden aufteilt. Die Armen der Welt sind Opfer und berechtigte Forderer, ganz gleich welchen untauglichen Menschenbildern (man denke etwa an die völlige Unterwerfung des Individuums im Islam) oder gar lokal-kulturellen Abscheulichkeiten (wie die bestialischen Massen-Menschenopferungen im alten Amerika) sie in ihrer Geschichte nachgingen; der westliche Wohlstandsmensch dagegen ist ein auf Anhieb Schuldender gegenüber der restlichen Menschheit, ganz gleich, welches kulturelle Streben und welche denkerische Tüchtigkeit die gesellschaftlichen Errungenschaften schufen, die seine Vormachtstellung begünstigten.

Somit befinden sich die “christlichen” Kirchen in einer Dekadenz, die sie Hand in Hand mit den destruktiven politischen Kräften gehen läßt, welche die westliche kulturelle Hegemonie durch das Angreifen ihrer “Lebensordnung” zerstören wollen. Und das rechtfertigt nicht bloß den Begriff Dekadenz. Angesichts nämlich der Tatsache, daß dieselben Kräfte ihren brennendsten Haß erst recht gegen das Christentum entfachen, ist das Zusammengehen der Kirchen mit ihnen geradezu pervers!

Die “Nächstenliebe” der Geistlosen

Es wäre amüsant wenn es nicht tragisch wäre, das (theo)logische Versagen etwas zu durchleuchten, das der Polit-Klerus bei seinem ermüdenden Gebrauch des Terminus der Nächstenliebe an den Tag legt, um ihn als moralische Keule über dem sachlichen Verstand derjenigen zu schwingen, die nicht nur lieben, sondern auch denken können. Es genügt nämlich das differenzierende Anführen eines Plurals, um Holprigkeiten sichtbar zu machen, und die falsche Anwendung des mißdeuteten Wortes bloßzustellen. Denn, wären da zwei Nächste, wovon der Nächste A gerade dabei wäre dem Nächsten B den Schädel einzuschlagen, dann stünden wir notgedrungen vor der Frage, wer von den beiden uns nun am nächsten ist. Sind uns massakrierte Christen und deren barbarischen Mörder, denen wir durchaus die Abkehr von ihrem mörderischen Werk und Glauben wünschten, gleich nahe? – Und so zeigt sich, daß wir es bei der Nächstenliebe durchaus mit mehr und mit weniger Nähe zu tun haben können, womit der ganze Begriff relativiert wird, und das nicht nur situativ, sondern in der kollektiven Dimension auch grundsätzlich. Denn: Wenn die ganze Welt unsere Nächsten sind, dann müssen wir unweigerlich auch unsere Allernächsten definieren und somit differenzieren. Und wer wären die Allernächsten zum Beispiel unter den Mitgliedern eines Volkes, außer diese Mitglieder selbst zueinander?

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