Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Merkel – Die Rache der Dichter und Denker

25. 10. 2015 | Zeitgeschehen

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Der Umgang Angela Merkels mit ihrer Muttersprache war mir bereits bei ihren ersten Auftritten als Spitze ihrer Partei das Bemerkenswerteste an ihr überhaupt. Ob die auffälligen syntaktischen und stilistischen Zerklüftungen an der Spitze der deutschen Politik nur von mir so empfunden wurden, fragte ich mich damals oft. Und ob die rhetorische Genügsamkeit der CDU-Frau deswegen gerade mir bekannt vorkam, weil ich selbst diese Erfahrung aus der Zeit her kannte, da mir die Sprache der sich um sie mühenden Parteiführerin noch nicht eigen genug für eine gestalterische Anwendung war, und ich möglichst kurze Sätze aneinanderreihte, um es mir nicht durch den Gebrauch zu vieler Nebensätze mit Konjunktiv und Flexion zu verderben. Jedenfalls las ich neulich, Merkel habe in der Tat noch immer “Probleme mit dem Konjunktiv” zugestanden, und daß sie “ihn immer wieder falsch anwende, was sie indes nicht weiter schlimm finde.“1

Stellt man dieses Eingeständnis Merkels der exzellenten Rhetorik ihres einstigen Kontrahenten und Fraktionschefs Friedrich Merz gegenüber, dem die Christdemokraten offenbar weniger Anerkennung entgegenbrachten, und der letztlich überraschend aus dem politischen Umfeld seiner Konkurrentin und anschließend aus dem politischen Feld überhaupt verschwand, erscheint die CDU jener Zeit als Ganzes auf einen Kurs in Richtung Desorientierung. Eine Partei, so schien mir damals, die sprachliche Unbeholfenheit einer ersprießlichen Wortgewandtheit vorzieht (Merz war das mühelose Aufstellen anregend fließender und hörenswerter Satzfolgen eigen), müßte sich eigentlich allein schon deswegen auf keinem klaren Weg befinden.

Aufgrund der aktuellen Situation (mehr über diese folgt) darf nicht unerwähnt bleiben, daß zu den politischen Entwürfen des ehemaligen Unions-Fraktionschefs auch der Begriff einer “deutschen Leitkultur“ gehörte, die speziell von Muslimen forderte, deutsche “Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten” zu akzeptieren. Ein Grund, warum Merz in der Parteibasis “als eine Art Wiedergänger der echten, der besseren CDU galt.“2)

Im fünften Jahr der Kanzlerschaft Merkels, im Juni 2010, war ich doch wohl bereit, über ihre sprachliche Rauhbeinigkeit mit einem Schwamm zu fahren: “Ausgehend von der personellen Ausstattung heutiger Parteien” schrieb ich damals auf maskulist​.de, “ist anzunehmen, daß wohl kaum jemand bedauern müßte, Frau Merkel an der Spitze der Republik zu wissen. Höchstens mit der Einschränkung, daß dieses Land durchaus einen Kanzler verdient hätte, der auch kompliziertere Sätze steuern kann, als Frau Merkel sich in der Lage zeigt.” Kurze Zeit danach schien dieses behutsame Arrangement mit den bescheidenen sprachlichen Fertigkeiten der Kanzlerin durch ihren (übrigens einwandfrei ausformulierten) Befund, “Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert”, irgendwie bestätigt. Wenn das kein luzider Moment in dieser Frau war, welcher dann?

Daß es allerdings in den darauffolgenden fünf Jahren Fortschritte mit Frau Merkels Luzidität gegeben hätte, wird von einem Auftritt der Kanzlerin in Bern (Schweiz) im Herbst 2015 erschütternd dementiert. Dort mußte sie sich der Frage einer besorgten Schweizerin stellen, die, nachdem sie die islamaffine Immigrationspolitik europäischer Staaten der wachsenden Angst ihrer Bürger vor einer Islamisierung Europas gegenüberstellte, das Folgende an Merkel richtete: “Wie wollen Sie Europa in dieser Hinsicht und unsere Kultur schützen?”

Was daraufhin folgte, und was Henryk Broder mit der Spitze kommentierte, es genüge wohl nicht, “keine Gedanken zu haben, sondern man auch unfähig sein müsse, sie zu artikulieren”, war die Offenlegung einer gedanklichen Wirrnis, die in ihrer Sonderart manchem wohl wieder als Kunst erscheinen möchte. Merkels Antwort enthielt folgende 4 Sequenzen:

1. Zum islamischen Terror in Afrika und dem Nahen Osten habe auch “leider die Europäische Union eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen”.
2. “Angst” sei “noch nie ein guter Ratgeber... und Gesellschaften, die von Angst geprägt” seien, würden “mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern.”

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