Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Merkel – Die Rache der Dichter und Denker

25. 10. 2015 | Zeitgeschehen

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“Wir haben genau studiert, was in den westlichen Gesellschaften passiert ist. Trotz bester Absicht der dortigen Führungsspitzen haben sich Parallelgesellschaften etabliert, haben sich die muslimischen Schichten nicht integrieren lassen. Man lebt nebeneinander… Wir wollen das nicht.” Und nun, im zweiten Teil seines Zitats bringt Orban den Begriff der Islamisierung – ohne ihn zu gebrauchen – mit solcher Klarheit zur Artikulation, daß Merkels begriffliche Insolvenz ihren eigenen Parteisoldaten, soweit sie sich überhaupt echte Gefühle erlaubten, peinlich sein müßte: “Es ist eine Frage von kulturellen Gewohnheiten. Ich rede jetzt nicht von Gott, und wie wir als Christen dazu stehen, oder Muslime. Ich rede von Kultur. Da geht es um Lebensstil, Freiheit, sexuelle Gewohnheiten, Gleichheit von Mann und Frau, unsere christliche Kultur.4 (Kursiv v. Verf.)

Angesichts dieser Klarheit läßt die fast wieder unschuldige Nichtigkeit von Merkels nachtwandlerischen Auswürfen auf keinen Intellekt schließen, der die Gegenwart auch nur im eigenen Land umfassend aufnähme. Vom Aufstellen eines Entwurfes ganz zu schweigen, schon gar nicht eines spontanen, wie es die simultane Reaktion auf die Frage der schweizerischen Bürgerin verlangt hatte.

Und hier scheint auch der Grund für Merkels Aversion gegen den Konjunktiv zu liegen, wie das in ihrer glücklosen Predigt exemplarisch zum Ausdruck kommt; sie vermeidet ihn tunlichst, sie bringt ihm ihr ganzes Mißtrauen entgegen: “Und wenn ich was vermisse, dann ist das nicht, daß ich irgend jemand vorwerfe, daß er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, sondern dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, daß wir Christen sind…” Oder: “Und wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her…”

Doch der Konjunktiv steht für den Ausdruck des Möglichen, dessen, was in Entsprechung zu einer gegebenen Ereignisfolge eintreten könnte, müßte oder sollte. Er erfordert gesteigerten Abstraktionsaufwand und korreliert mit der Fähigkeit, Visionen, Pläne, auch Strategien sprachlich auszudrücken und natürlich auch kognitiv abzuwägen.

In einer Charakterstudie, die FAZ “niederschmetternd” nannte, wurde Angela Merkel als eine Frau “ohne Visionen” bezeichnet5. (Amerikanischen Abhördiensten verdanken wir zudem das Wissen, daß auch der französische Präsident Hollande zu Beginn seiner Amtszeit von der Substanzlosigkeit seiner europäischen Kollegin beeindruckt gewesen sein soll6). Zu der in der FAZ publizierten Studie machte sich der amerikanische Journalist George Packer auf den Weg, das Geheimnis “der mächtigsten Frau der Welt, die alles tut, um nicht interessant zu sein”, zu lüften. Dazu traf er Menschen aus Merkels biographischer Nähe und befragte auch Hauptstadtjournalisten nach ihrer Einschätzung des amtierenden Kuriosums im Berliner Kanzleramt.

Die zuletzt genannte Truppe gab Verblüffendes von sich: Die allesamt bekannten und für entsprechend bekannte Medieneinrichtungen tätigen Berichterstatter Berlins sagten Packer “so gut wie nichts Gutes über die Kanzlerin”, dennoch bescheinigten sie ihr eine gute Arbeit, sie waren mit ihr zufrieden! Wie kann das sein?

Ein Leserkommentar, der interessant für Merkel wirbt, führt einen für unsere Frage brauchbar erscheinenden Aspekt an. Es ist der Kommentar im Posting unter 01.12.2014, 14:34. Dort fordert sein Verfasser Respekt vor Merkel und deutet ihr eher unauffälliges Begleiten von Entscheidungsprozessen (“…sich dabei nicht zwanghaft in den Vordergrund drängt…”) als Indiz eines wissenschaftlichen Vorgehens, das darauf beruht, “alle ihr zur Verfügung stehenden Daten und Informationen” aufzunehmen, die dann, “umfassend analysiert und integriert”, dazu verwendet werden sollen, “rationale, datenbezogene und differenzierte Entscheidungen zu treffen”. – Merkel als wandernde wissenschaftliche Analyse?

Die Frau soll ja wahrhaftig in Physik promoviert haben, und Medien haben oft den wissenschaftlichen Status der Kanzlerin betonnt, um ihr kühle Analyse anzudichten. Und wer wäre auch befugt, ein Urteil über Merkels Tauglichkeit in ihrem Fach abzugeben? Doch wir durften hier sehr wohl über die analytische Schärfe urteilen, mit der die Physikerin Angela Merkel recht einfache Inhalte sortiert, erfaßt und bearbeitet. Und uns gelang dabei schwerlich, einen kleinen Anflug von Verwunderung darüber zu unterdrücken, daß Frau Merkel wohl tatsächlich in Physik promoviert haben soll.

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