Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Merkel - Die Rache der Dichter und Denker

25. 10. 2015 | Zeitgeschehen

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Könnte also Merkels politische Latenz in Wahrheit nur ein passives Abwarten auf den Konsens – oder vermeintlichen Konsens – der anderen sein? Solches Fähnchen-in-den-Wind-halten hätte in der Tat etwas Wissenschaftliches, besser: Scheinwissenschaftliches an sich, sofern es ja von “zur Verfügung stehenden Daten und Informationen” (wir fügen hinzu: auch Entscheidungen) fürwahr Gebrauch machen würde, und solche Methode wurde der Kanzlerin auch oft nachgesagt. So gesehen mag auch der es gegenüber Merkel wohlmeinende Leserkommentar annähernd richtig liegen.

Diese Vermutung würde zudem jene widersprüchliche Nähe zwischen den Förstern im Berliner Blätterwald und ihrer visionslosen, aber dafür gelehrigen Kanzlerin ein ganzes Stück erklären. Merkel wäre ihre nützliche… Herzdame (“…sie macht einen wirklich guten Job…”), und da in der Regel eine Hand die andere wäscht, gewährt man ihr auf der Journalistenseite sakrosankte Unantastbarkeit in der Berichterstattung. Erweitern wir nun den Begriff des Journalisten auf seine eigentliche heutige Berufung: Meinungsverwalter, und nehmen dann folgerichtig weitere Sektoren dieses Dienstes – etwa Werbe- und Nachrichtenagenturen, Demoskopie-Institute u. Ä. - in Augenschein, dann haben wir das ganze informationelle Großorchester zusammen, das tagein, tagaus das Lied “Angie, beautiful” in allen erdenklichen Tonlagen und all die Jahre der ersten deutschen Kanzlerinnenschaft improvisierte.

Wie beispielsweise jene Forschungsergebnisse vom August 2014 über eine angeblich 74 Prozent betragende Akzeptanz Merkels in der Bevölkerung, die das Onlineportal der Telekom so selbstsicher verkündete, daß es zum Nachweis auf derselben Seite eine lokale Umfrage startete, dort aber über 90 Prozent der Leser gegen die Kanzlerin stimmten – brachial!7

Die Konsistenz dieser Gesinnungssymbiose steht sicher auch in Korrelation zu demjenigen weiteren Phänomen in der Amtszeit Merkels, das man den Linksruck ihrer Partei nennt, denn über 70 Prozent des Journalistenheeres gibt sich in periodischen Erhebungen als Anhängerschaft jener Parteien aus, die traditionell den linken Antipoden der einst konservativen Partei Merkels zusammenstellten. Merkel begann früh damit, deren politische Positionen einzuheimsen, und das erstaunlicher Weise ohne nennenswerten Wiederstand mehr aus dem Inneren ihrer Partei.

Anzumerken wäre hierzu allerdings, daß der Kanzlerin bereits eine frühe, biographisch bedingte Nähe zur linken Ideologie zu unterstellen wäre. Ihre Familie zeitigte nämlich nach dem DDR-Mauerbau die seltene Begebenheit, vom freiheitlichen Westen Deutschlands freiwillig in den kommunistischen Nachbarstaat der Deutschen Demokratischen Republik umzusiedeln! Merkels Verschmelzung mit dem DDR-System dort und ihre dementsprechende Karriere als Funktionärin des sogenannten Freien Deutschen Jugendverbands (FDJ) soll ihr die Leitung der Abteilung für Agitation und Propaganda eingebracht haben; nach dem Fall der DDR soll sie übrigens zu denjenigen Ostbürgern gehört haben, die das politische Modell der westlichen Republik (BRD) nicht übernehmen wollten8.

Kann-die-dat?

Doch zurück zu der Kongruenz zwischen den sprachlich-kognitiven Fertigkeiten der einst folgsamen FDJ-Funktionärin und dem Amt im bundesrepublikanischen Kanzleramt: Inwieweit sich eine politische Handlungsweise bewährt, die zu großen Teilen aus Machtinstinkt und wankelmütigem Eklektizismus besteht, wird auch eine Frage der Dringlichkeit sein, in der akut gehandelt werden muß. Herkömmliche politische Entscheidungsprozesse ziehen sich über längere Phasen der Entscheidungsbildung hin und gewähren Zeit genug, um den jeweiligen Vorteil diverser Positionierungen abzuwägen. Anders verhält es sich in Notfällen. Hier muß schnell gehandelt werden, und die zu fällenden Entscheidungen können mitunter entscheidender sein als es einem lieb wäre. Kann die das?

Ein Wahlplakat der Sozialdemokraten im Jahr 2005 stellte diese Frage in Bezug auf Merkels Kanzlertauglichkeit etwas wortspielerisch: Durch Anlehnung an den Berliner Dialekt suggerierte die dreisilbige Fragestellung das Wort Kandidat in der Kunstfrage: “Kann-die-dat?” So stand es unter Merkels Konterfei auf dem Aushang. Und dieser Tage erleben wir die ziemlich dramatische Antwort darauf. Wir brauchen hier wohl nicht die Ereignisse der letzten Wochen detailliert aufzuzeichnen; das Stichwort “Flüchtlingskrise” genügt, um das zu benennen, was wenige Stunden nach Merkels stupidem Auftritt in Bern geschah und noch geschieht:

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