Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Merkel - Die Rache der Dichter und Denker

25. 10. 2015 | Zeitgeschehen

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Merkel wurde die erste deutsche Bundeskanzlerin. Das war eine Innovation, die für eine Partei im Westen des angehenden 21. Jahrhunderts Erneuerungsbeleg war. Dazu eine, die im konkreten Fall ausgerechnet den “Konservativen” den Bonus eines Vorsprungs im progressistischen Wettlauf der Blöcke brachte; die Letzten sollten nun die Ersten sein, oder: die CDU als Epochenmacher und ihr Neuer Mensch!

Das nun verlieh der Chefin einen Symbolwert, der zwar zu ihrer intellektuellen und charismatischen Unscheinbarkeit in krassem Kontrast stand, doch man wäre kein “Frauenfreund”, wenn man nicht gelernt hätte, weibliche Hohlheit zu mystifizieren und den Leerraum, der da klafft, mit erahnten Qualitäten zu füllen, die “wir Männer” einfach nicht verstehen, weil uns die hohen Weihen des Mysteriums Frau naturgemäß versagt bleiben, und uns jede Äußerung von Zweifel und Mißtrauen zum Macho abzustempeln droht.

So schob die Partei ihre Monstranz vor sich her, übersah an ihr alles, was man nicht sehen sollte, ließ das erkorene Subjekt kompetenzlerisch vorangehen, deckte seine Versprecher mit Lacher und seine Patzer mit Beifall… - “Ich bedauere diesen Rücktritt auf das Allerhärteste”! - Die so Verwöhnte mauserte sich im komfortablen Kritikvakuum - Schonraum für Unantastbare -, sie lernte, daß irgendwie immer alles ging, was sie anstellte, und mimte im Laufe der Jahre mediogen so gut es ging Persönlichkeit, genauer eine, die man mit der exquisit-rätselhaften Raute-Handgeste einmal in die Chroniken eingehen sah.

Doch die Kaiserin hatte gar keine Kleider an! Die neuerliche Partie der von ihren devoten Höflingen Getragenen und manchen Bürgern Ertragenen, die zweite Partie, in der eine spontane Entscheidung angesagt zu sein schien (die erste war die berüchtigte Energiewende), könnte die letzte sein. Der fatalistischen “Es-wird-wohl-wieder-klappen”-Hoffnung – Merkels politischem Grundprinzip – scheint nämlich diesmal die Geduld ausgegangen zu sein. “Wir schaffen das!”, der populistische Zuversicht-Fetisch, mit dem sie ihre Volksverdünnungsattacke startete, wurde ihr mittlerweile von ihren immer häufiger aufmuckenden Karrierebegleitern um die Ohren gehauen: “Viele Menschen können das nicht mehr hören.” Sie sei falsch verstanden worden, “wir allein” habe sie ja nie gesagt, sondern es gleich europäisch, gar global gemeint. Und “Abschottung” (so nennen gewisse Politiker den souveränen Grenzschutz) sei im Zeitalter des Internet ohnehin nicht möglich, sonderte sie neulich auch noch von sich ab, als kämen die illegalen Einwanderer per File Transfer in ihr Land. Wobei, gemäß der Drohung, die sie anstelle einer erwarteten Entschuldigung gleich zu Beginn dieser Affäre aussprach, dies gar nicht unbedingt ihr Land ist. “Ich muß ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, daß wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.”

“Ganz ehrlich” hat sie das gesagt? Daß “wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen”, so hat sie “ganz ehrlich” das Desaster umschrieben, in das sie das Land gestürzt hat, das womöglich nicht mal mehr ihres ist? Nach zuverlässiger Quelle soll sie noch dazu in einer der fast täglichen Krisenkonferenzen ihrer Fraktion verlautet haben, es sei ihr egal, ob sie “schuld am Zustrom der Flüchtlinge” sei. “Nun sind sie halt da.“

Bei diesen wenigen Impressionen aus dem Geschehnis dieser Tage verbleiben wir, zumal die dargelegten Ausdrücke und Begebenheiten aus einem Pool von Ereignissen herausgepickt sind, der anhaltend weitergefüllt wird. Was in den nächsten Wochen und Monaten sich auch ereignen mag, es könnte in Richtung eines neuen und neuartigen Deutschen Herbstes führen, und wir werden es mit der Spannung, die dem Historischen gebührt, aufnehmen.

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