Merkel - Die Rache der Dichter und Denker

Der Umgang Angela Merkels mit ihrer Muttersprache war mir bereits bei ihren ersten Auftritten als Spitze ihrer Partei das Bemerkenswerteste an ihr überhaupt. Ob die auffälligen syntaktischen und stilistischen Zerklüftungen an der Spitze der deutschen Politik nur von mir so empfunden wurden, fragte ich mich damals oft. Und ob die rhetorische Genügsamkeit der CDU-Frau deswegen gerade mir bekannt vorkam, weil ich selbst diese Erfahrung aus der Zeit her kannte, da mir die Sprache der sich um sie mühenden Parteiführerin noch nicht eigen genug für eine gestalterische Anwendung war, und ich möglichst kurze Sätze aneinanderreihte, um es mir nicht durch den Gebrauch zu vieler Nebensätze mit Konjunktiv und Flexion zu verderben. Jedenfalls las ich neulich, Merkel habe in der Tat noch immer "Probleme mit dem Konjunktiv" zugestanden, und daß sie "ihn immer wieder falsch anwende, was sie indes nicht weiter schlimm finde."1

Stellt man dieses Eingeständnis Merkels der exzellenten Rhetorik ihres einstigen Kontrahenten und Fraktionschefs Friedrich Merz gegenüber, dem die Christdemokraten offenbar weniger Anerkennung entgegenbrachten, und der letztlich überraschend aus dem politischen Umfeld seiner Konkurrentin und anschließend aus dem politischen Feld überhaupt verschwand, erscheint die CDU jener Zeit als Ganzes auf einen Kurs in Richtung Desorientierung. Eine Partei, so schien mir damals, die sprachliche Unbeholfenheit einer ersprießlichen Wortgewandtheit vorzieht (Merz war das mühelose Aufstellen anregend fließender und hörenswerter Satzfolgen eigen), müßte sich eigentlich allein schon deswegen auf keinem klaren Weg befinden.

Aufgrund der aktuellen Situation (mehr über diese folgt) darf nicht unerwähnt bleiben, daß zu den politischen Entwürfen des ehemaligen Unions-Fraktionschefs auch der Begriff einer "deutschen Leitkultur“ gehörte, die speziell von Muslimen forderte, deutsche "Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten" zu akzeptieren. Ein Grund, warum Merz in der Parteibasis "als eine Art Wiedergänger der echten, der besseren CDU galt."2)

Im fünften Jahr der Kanzlerschaft Merkels, im Juni 2010, war ich doch wohl bereit, über ihre sprachliche Rauhbeinigkeit mit einem Schwamm zu fahren: "Ausgehend von der personellen Ausstattung heutiger Parteien" schrieb ich damals auf maskulist.de, "ist anzunehmen, daß wohl kaum jemand bedauern müßte, Frau Merkel an der Spitze der Republik zu wissen. Höchstens mit der Einschränkung, daß dieses Land durchaus einen Kanzler verdient hätte, der auch kompliziertere Sätze steuern kann, als Frau Merkel sich in der Lage zeigt." Kurze Zeit danach schien dieses behutsame Arrangement mit den bescheidenen sprachlichen Fertigkeiten der Kanzlerin durch ihren (übrigens einwandfrei ausformulierten) Befund, "Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert", irgendwie bestätigt. Wenn das kein luzider Moment in dieser Frau war, welcher dann?

Daß es allerdings in den darauffolgenden fünf Jahren Fortschritte mit Frau Merkels Luzidität gegeben hätte, wird von einem Auftritt der Kanzlerin in Bern (Schweiz) im Herbst 2015 erschütternd dementiert. Dort mußte sie sich der Frage einer besorgten Schweizerin stellen, die, nachdem sie die islamaffine Immigrationspolitik europäischer Staaten der wachsenden Angst ihrer Bürger vor einer Islamisierung Europas gegenüberstellte, das Folgende an Merkel richtete: "Wie wollen Sie Europa in dieser Hinsicht und unsere Kultur schützen?"

Was daraufhin folgte, und was Henryk Broder mit der Spitze kommentierte, es genüge wohl nicht, "keine Gedanken zu haben, sondern man auch unfähig sein müsse, sie zu artikulieren", war die Offenlegung einer gedanklichen Wirrnis, die in ihrer Sonderart manchem wohl wieder als Kunst erscheinen möchte. Merkels Antwort enthielt folgende 4 Sequenzen:

1. Zum islamischen Terror in Afrika und dem Nahen Osten habe auch "leider die Europäische Union eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen".
2. "Angst" sei "noch nie ein guter Ratgeber... und Gesellschaften, die von Angst geprägt" seien, würden "mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern."
3. Europäer hätten jede Chance und Freiheit, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Sie (Merkel) vermisse jedoch, "den Mut, zu sagen, daß wir Christen sind… daß wir da in einen Dialog eintreten…" Sie wünsche sich daher von den Europäern, "mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder bißchen bibelfest zu sein und vielleicht auch mal ein Bild in der Kirche erklären zu können." Da es bei ihnen aber "mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her" sei, sollten sie sich auch nicht "beklagen, daß Muslime sich im Koran besser auskennen", das finde sie "irgendwie komisch."
4. Zum Thema Gewalt sagte sie noch: "Gegen terroristische Gefahren muß man sich wappnen und ansonsten ist die europäische Geschichte so reich an so dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen, daß wir sehr vorsichtig sein sollten, uns sofort zu beklagen, wenn woanders was Schlimmes passiert."3

Bevor wir die inhaltliche Haltbarkeit dieser Statements untersuchen, stellen wir eine durchgehende Veranlagung fest: Merkel behandelt an sie gerichtete kritische Fragen als Angriffe und erstickt sie in Vorwürfen:

1. Als Erstes bezichtigt Merkel die Europäer der entschiedenen Mitschuld an der islamistischen Barbarei, denn sie hätten "eine Vielzahl von Kämpfern beigetragen."
2. Als Nächstes wird eine populäre Phrase benutzt, um die Träger der Islamisierungsangst zu deklassieren. Sie können "mit Sicherheit die Zukunft nicht meistern". Nicht also der maßlose Einlaß kulturfremder Kollektive gefährdete die Zukunft Europas, sondern eher die darüber Sorge tragenden europäischen Bürger!
3. Die Europäer ermächtigten außerdem den Islam dadurch, daß sie (man höre hier genauer hin) säkular lebten und sich religiösen Ansprüchen nicht so emsig wie die Moslems nachgingen, während letztere noch in theokratischer Ergebenheit verharren. Nur so läßt sich nämlich das konkretisieren, was das politische Oberhaupt der Bundesrepublik im Punkt 3 meint, soweit es überhaupt reflektiert, was es von sich gibt.
4, Last, not least holt "Mutti" aus dem diskursiven Gerätelager den zu Staub trivialisierten Appell an die eigene historische Schuld: Man solle daran denken, wie "reich an so dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen" die Geschichte Europas sei, und gefälligst die Klappe halten.

Diese flotte Anschlagsserie auf die Verfassung des europäischen Bürgers ist wohl als unbewußte Abwehrreaktion, als Affekt zu verstehen. Das muß aber nicht in jedem Fall den Verstand trüben, vorausgesetzt, dieser ist seines affektiven Gegenparts bewußt genug, um ihn rhetorisch zu relativieren. Nichts dergleichen ist hier zu vernehmen. Mit keinem Wort zeigt Merkel Einfühlung in die Position des anderen. Sie bezieht sich durchweg nur auf das eigene Gegenhalten; sie zeigt sich somit unreif, kleinlich, unsicher.

Entsprechend ist der argumentative Inhalt einzuschätzen, wovon übrigens nur in den Positionen 1 und 3 etwas vorhanden ist. Die Position 2 besteht lediglich aus einer banalen Volksmundfloskel, die ein kompetenter Intellekt niemals zum politischen Prinzip erheben würde, da sich solche "Weisheiten" nur situativ bewähren. (Angst etwa ist nicht per se ein schlechter Ratgeber, sondern war schon immer auch ein fruchtbarer zivilisatorischer Impuls. In der Abwehr von wilden Tieren, von Naturgefahren, Verbrechen, Krankheiten oder Invasionen aggressiver Kollektive leitete Angst die Zivilisation sehr wohl kreativ an.) Die Position 4 bedient sich, die "gruseligen Auseinandersetzungen" in Europas Vergangenheit zum Anlaß nehmend, der üblichen Schuld-Keule, die allerdings, gemessen an den Menschenrechtsverbrechen, welche noch gegenwärtig in muslimischen Ländern unzivilisierter Alltag sind, obsolete Vergangenheit anspricht.

Den so verbleibenden Punkten 1 und 3, können nun Logik und Vernunft folgendermaßen begegnen:

Zu 1: Wenn die Europäische Union gegenwärtig mit einer "Vielzahl von Kämpfern" den Islam-Satanisten im Orient Beistand leistet, dann dies aufgrund einer verfehlten Einwanderungspolitik in der Vergangenheit, für welche Angela Merkel sicher nicht alleinige Schuld trägt. Da sie aber aktuell diese Politik fatal ausweitete (tags darauf erließ sie in völlig autokratischem Irrsinn die absolute Öffnung der deutschen Grenzen für den unkontrollierten Einlaß Zehntausender muslimischer Ankömmlinge, wissend, daß der organisierte Islam-Terrorismus angedroht hatte, unter den sogenannten Flüchtlingen seinesgleichen einzuschleusen), ist es unsererseits nur höflich, ihr Statement nicht weiter zu kommentieren.
Zu 3: Wenn Merkel von der "Chance und Freiheit" spricht, die Menschen in Europa haben, "sich zu ihrer Religion zu bekennen", brauchte sie eigentlich nur kurz innezuhalten, um sich zu vergegenwärtigen, worum es den Islamisierungsgegnern eigentlich geht: Nämlich darum, daß der Islam weltweit für die Aufhebung solcher "Freiheit" steht und nun unter der Ägide Merkels heftigen Einzug in Deutschland erhält.

Nahezu verstörend ist dabei, welche kläglich seichte Vorstellung Merkel von einer potentiellen Islamisierung, also von einer Einflußnahme muslimischer Kulturelemente in einer westlichen Gesellschaft an den Tag legt. Sie gibt unbedarft zu erkennen, daß sie darunter lediglich eine Art Frömmigkeitsüberlegenheit der Muslime gegenüber den unfrommen Europäern versteht. Moslems bekämen bessere Noten in der Sonntagsschule, davor fürchteten sich die Christen. Islamkritiker problematisieren nichts anderes, als daß Muhammads Suren-Prediger "sich im Koran besser auskennen" als die weniger frommen Christen in ihrer Bibel, und das finde sie "irgendwie komisch". Wir auch, Frau Kanzler, sehr!

Nach Merkels Denkstrukturen wird gefolgert: Wären Christen "ein bißchen bibelfest" und könnten sie "vielleicht auch mal ein Bild in der Kirche" oder "Pfingsten" erklären, dann hätten sie wohl kaum noch Grund, die "Allahu-akbar"-Morde auf europäischem Boden oder die Parallelgesellschaften von Marxloh und Neuköln zum Problem zu erheben! Auch nicht die Sippenkämpfe mit Polizeihubschraubereinsätzen in Duisburg oder Bremen, die mörderischen illegalen Autorennen in den Innenstädten von Köln und anderswo, die Massenaufläufe rivalisierender Ethnien auf deutschen Straßen, die Messerstechereien und Kopftretereien in nächtlichen Unterführungen, die kriminellen Jugendbanden von Berlin und Freiburg, die Rütli-Schulen, die rechtsfreien Räume und No-go-Areas inklusive Scharia-Gerichte und Rekrutierungseinrichtungen für eben jene "Vielzahl von Kämpfern" mit denen Europa heute die nahöstliche Barbarei aufstockt. Derlei Meldungen gingen wie Öl runter, würden wir uns nur endlich einmal das Pfingstfest erklären!

Man fragt sich: Wie inhaltsarm ist nur das Phänomen Merkel? Wie lange könnte ein Volk mit solchem Flachsinn an seiner Spitze prosperieren? Die Frau scheint tatsächlich nicht erfassen zu können, daß sich die Bilanz einer Religion nicht bloß aus Ritten, Liturgien und Rezitationen zusammenrechnet, sondern und vor allem auch die Generierung einer Gesellschaftsordnung und ihrer kollektiven Mentalität impliziert, die ihre Subjekte analog dem zugrundeliegenden Menschen- und Gottesbild prägen. Aber dieser etwas tiefere Gang erfordert kulturanthropologische und -politische Erwägungen, und der Bundeskanzlerin der Deutschen scheint der Entschluß schwer zu fallen, nach einschlägigen Begriffen einmal zu googeln…

Merkel und der Konjunktiv

Hier übrigens die Originalformulierung von Merkels Sequenz Nr. 3 nach Broders Transkription des Videoabschnitts - von mir ebenfalls angehört:

"Aber da gibt es auch diese, diese Sorgen, und ich muß Ihnen ganz ehrlich sagen, wir haben doch alle Chancen und alle Freiheiten, uns zu unserer Religion, sofern wir sie ausüben und an sie glauben, zu bekennen.
Und wenn ich was vermisse, dann ist das nicht, daß ich irgend jemand vorwerfe, daß er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, sondern dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, daß wir Christen sind, haben wir doch den Mut zu sagen, daß wir da in einen Dialog eintreten. Dann haben wir doch auch, bitte schön, die Tradition, mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder bißchen bibelfest zu sein und vielleicht auch mal ein Bild in der Kirche erklären zu können.
Und wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich anschließend zu beklagen, daß Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch. Und vielleicht kann uns diese Debatte mal wieder dazu führen, daß wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und bißchen mehr Kenntnis darüber haben."

Merkels gedankliches Chaos verschüttet zwar allen Sinn, nicht aber die innewohnende Absicht, die zivilisatorische Gefahr des ausufernden Durchlasses einer großteils antiwestlich-antidemokratischen und aggressiven Fremdkultur zum beschaulichen Wettbewerb der Frömmigkeiten zu verklären. In Abwendung von dieser untiefen Trübe stellen wir hier die klaren Zusammenhänge des ungarischen Ministerpräsidenten Orban vor, der die durchlässige Grenze seines schönen Landes gegen denselben Immigranten-Ansturm, den Merkel in ihrer oben genannten Offensive nach Deutschland umleitete, kurze Zeit zuvor aufwendig schließen ließ:

"Wir haben genau studiert, was in den westlichen Gesellschaften passiert ist. Trotz bester Absicht der dortigen Führungsspitzen haben sich Parallelgesellschaften etabliert, haben sich die muslimischen Schichten nicht integrieren lassen. Man lebt nebeneinander… Wir wollen das nicht." Und nun, im zweiten Teil seines Zitats bringt Orban den Begriff der Islamisierung - ohne ihn zu gebrauchen - mit solcher Klarheit zur Artikulation, daß Merkels begriffliche Insolvenz ihren eigenen Parteisoldaten, soweit sie sich überhaupt echte Gefühle erlaubten, peinlich sein müßte: "Es ist eine Frage von kulturellen Gewohnheiten. Ich rede jetzt nicht von Gott, und wie wir als Christen dazu stehen, oder Muslime. Ich rede von Kultur. Da geht es um Lebensstil, Freiheit, sexuelle Gewohnheiten, Gleichheit von Mann und Frau, unsere christliche Kultur."4 (Kursiv v. Verf.)

Angesichts dieser Klarheit läßt die fast wieder unschuldige Nichtigkeit von Merkels nachtwandlerischen Auswürfen auf keinen Intellekt schließen, der die Gegenwart auch nur im eigenen Land umfassend aufnähme. Vom Aufstellen eines Entwurfes ganz zu schweigen, schon gar nicht eines spontanen, wie es die simultane Reaktion auf die Frage der schweizerischen Bürgerin verlangt hatte.

Und hier scheint auch der Grund für Merkels Aversion gegen den Konjunktiv zu liegen, wie das in ihrer glücklosen Predigt exemplarisch zum Ausdruck kommt; sie vermeidet ihn tunlichst, sie bringt ihm ihr ganzes Mißtrauen entgegen: "Und wenn ich was vermisse, dann ist das nicht, daß ich irgend jemand vorwerfe, daß er sich zu seinem muslimischen Glauben bekennt, sondern dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, daß wir Christen sind…" Oder: "Und wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her…"

Doch der Konjunktiv steht für den Ausdruck des Möglichen, dessen, was in Entsprechung zu einer gegebenen Ereignisfolge eintreten könnte, müßte oder sollte. Er erfordert gesteigerten Abstraktionsaufwand und korreliert mit der Fähigkeit, Visionen, Pläne, auch Strategien sprachlich auszudrücken und natürlich auch kognitiv abzuwägen.

In einer Charakterstudie, die FAZ "niederschmetternd" nannte, wurde Angela Merkel als eine Frau "ohne Visionen" bezeichnet5. (Amerikanischen Abhördiensten verdanken wir zudem das Wissen, daß auch der französische Präsident Hollande zu Beginn seiner Amtszeit von der Substanzlosigkeit seiner europäischen Kollegin beeindruckt gewesen sein soll6). Zu der in der FAZ publizierten Studie machte sich der amerikanische Journalist George Packer auf den Weg, das Geheimnis "der mächtigsten Frau der Welt, die alles tut, um nicht interessant zu sein", zu lüften. Dazu traf er Menschen aus Merkels biographischer Nähe und befragte auch Hauptstadtjournalisten nach ihrer Einschätzung des amtierenden Kuriosums im Berliner Kanzleramt.

Die zuletzt genannte Truppe gab Verblüffendes von sich: Die allesamt bekannten und für entsprechend bekannte Medieneinrichtungen tätigen Berichterstatter Berlins sagten Packer "so gut wie nichts Gutes über die Kanzlerin", dennoch bescheinigten sie ihr eine gute Arbeit, sie waren mit ihr zufrieden! Wie kann das sein?

Ein Leserkommentar, der interessant für Merkel wirbt, führt einen für unsere Frage brauchbar erscheinenden Aspekt an. Es ist der Kommentar im Posting unter 01.12.2014, 14:34. Dort fordert sein Verfasser Respekt vor Merkel und deutet ihr eher unauffälliges Begleiten von Entscheidungsprozessen ("…sich dabei nicht zwanghaft in den Vordergrund drängt…") als Indiz eines wissenschaftlichen Vorgehens, das darauf beruht, "alle ihr zur Verfügung stehenden Daten und Informationen" aufzunehmen, die dann, "umfassend analysiert und integriert", dazu verwendet werden sollen, "rationale, datenbezogene und differenzierte Entscheidungen zu treffen". - Merkel als wandernde wissenschaftliche Analyse?

Die Frau soll ja wahrhaftig in Physik promoviert haben, und Medien haben oft den wissenschaftlichen Status der Kanzlerin betonnt, um ihr kühle Analyse anzudichten. Und wer wäre auch befugt, ein Urteil über Merkels Tauglichkeit in ihrem Fach abzugeben? Doch wir durften hier sehr wohl über die analytische Schärfe urteilen, mit der die Physikerin Angela Merkel recht einfache Inhalte sortiert, erfaßt und bearbeitet. Und uns gelang dabei schwerlich, einen kleinen Anflug von Verwunderung darüber zu unterdrücken, daß Frau Merkel wohl tatsächlich in Physik promoviert haben soll.

Könnte also Merkels politische Latenz in Wahrheit nur ein passives Abwarten auf den Konsens – oder vermeintlichen Konsens – der anderen sein? Solches Fähnchen-in-den-Wind-halten hätte in der Tat etwas Wissenschaftliches, besser: Scheinwissenschaftliches an sich, sofern es ja von "zur Verfügung stehenden Daten und Informationen" (wir fügen hinzu: auch Entscheidungen) fürwahr Gebrauch machen würde, und solche Methode wurde der Kanzlerin auch oft nachgesagt. So gesehen mag auch der es gegenüber Merkel wohlmeinende Leserkommentar annähernd richtig liegen.

Diese Vermutung würde zudem jene widersprüchliche Nähe zwischen den Förstern im Berliner Blätterwald und ihrer visionslosen, aber dafür gelehrigen Kanzlerin ein ganzes Stück erklären. Merkel wäre ihre nützliche… Herzdame ("…sie macht einen wirklich guten Job…"), und da in der Regel eine Hand die andere wäscht, gewährt man ihr auf der Journalistenseite sakrosankte Unantastbarkeit in der Berichterstattung. Erweitern wir nun den Begriff des Journalisten auf seine eigentliche heutige Berufung: Meinungsverwalter, und nehmen dann folgerichtig weitere Sektoren dieses Dienstes – etwa Werbe- und Nachrichtenagenturen, Demoskopie-Institute u. Ä. - in Augenschein, dann haben wir das ganze informationelle Großorchester zusammen, das tagein, tagaus das Lied "Angie, beautiful" in allen erdenklichen Tonlagen und all die Jahre der ersten deutschen Kanzlerinnenschaft improvisierte.

Wie beispielsweise jene Forschungsergebnisse vom August 2014 über eine angeblich 74 Prozent betragende Akzeptanz Merkels in der Bevölkerung, die das Onlineportal der Telekom so selbstsicher verkündete, daß es zum Nachweis auf derselben Seite eine lokale Umfrage startete, dort aber über 90 Prozent der Leser gegen die Kanzlerin stimmten – brachial!7

Die Konsistenz dieser Gesinnungssymbiose steht sicher auch in Korrelation zu demjenigen weiteren Phänomen in der Amtszeit Merkels, das man den Linksruck ihrer Partei nennt, denn über 70 Prozent des Journalistenheeres gibt sich in periodischen Erhebungen als Anhängerschaft jener Parteien aus, die traditionell den linken Antipoden der einst konservativen Partei Merkels zusammenstellten. Merkel begann früh damit, deren politische Positionen einzuheimsen, und das erstaunlicher Weise ohne nennenswerten Wiederstand mehr aus dem Inneren ihrer Partei.

Anzumerken wäre hierzu allerdings, daß der Kanzlerin bereits eine frühe, biographisch bedingte Nähe zur linken Ideologie zu unterstellen wäre. Ihre Familie zeitigte nämlich nach dem DDR-Mauerbau die seltene Begebenheit, vom freiheitlichen Westen Deutschlands freiwillig in den kommunistischen Nachbarstaat der Deutschen Demokratischen Republik umzusiedeln! Merkels Verschmelzung mit dem DDR-System dort und ihre dementsprechende Karriere als Funktionärin des sogenannten Freien Deutschen Jugendverbands (FDJ) soll ihr die Leitung der Abteilung für Agitation und Propaganda eingebracht haben; nach dem Fall der DDR soll sie übrigens zu denjenigen Ostbürgern gehört haben, die das politische Modell der westlichen Republik (BRD) nicht übernehmen wollten8.

Kann-die-dat?

Doch zurück zu der Kongruenz zwischen den sprachlich-kognitiven Fertigkeiten der einst folgsamen FDJ-Funktionärin und dem Amt im bundesrepublikanischen Kanzleramt: Inwieweit sich eine politische Handlungsweise bewährt, die zu großen Teilen aus Machtinstinkt und wankelmütigem Eklektizismus besteht, wird auch eine Frage der Dringlichkeit sein, in der akut gehandelt werden muß. Herkömmliche politische Entscheidungsprozesse ziehen sich über längere Phasen der Entscheidungsbildung hin und gewähren Zeit genug, um den jeweiligen Vorteil diverser Positionierungen abzuwägen. Anders verhält es sich in Notfällen. Hier muß schnell gehandelt werden, und die zu fällenden Entscheidungen können mitunter entscheidender sein als es einem lieb wäre. Kann die das?

Ein Wahlplakat der Sozialdemokraten im Jahr 2005 stellte diese Frage in Bezug auf Merkels Kanzlertauglichkeit etwas wortspielerisch: Durch Anlehnung an den Berliner Dialekt suggerierte die dreisilbige Fragestellung das Wort Kandidat in der Kunstfrage: "Kann-die-dat?" So stand es unter Merkels Konterfei auf dem Aushang. Und dieser Tage erleben wir die ziemlich dramatische Antwort darauf. Wir brauchen hier wohl nicht die Ereignisse der letzten Wochen detailliert aufzuzeichnen; das Stichwort "Flüchtlingskrise" genügt, um das zu benennen, was wenige Stunden nach Merkels stupidem Auftritt in Bern geschah und noch geschieht:

"Angie" ließ nämlich tags darauf die ohnehin offenen Pforten des Landes sperrangelweit aufreißen und verkündete zugleich weltweit ihre Großabsicht, die Zehntausende der "Flüchtlinge" vor Ungarns gerade geschlossenen Grenzen und aus dem fernen Elend der muslimischen Höllenwelten in Deutschland zur Tafel zu bitten. Nachdem binnen weniger Tage die Republik so ohnmächtig vor dem provoziertem Zustrom stand, daß sich das Städte- und Kommunenpersonal für die Organisation der Aufnahmestellen im Netz flennend und flehend gebärdete, derweil die Verursacherin befremdende Selfies mit "Flüchtlingen" aus aller Welt publizierte; während sich herausstellte, daß die von Politik und Medien zu Fachkräften und Sozial-Bereicherern berufenen Ankömmlinge großteils Analphabeten-Massen waren, deren bis zum Jahresende errechnete Anzahl - ohne die der noch zu erwartenden Angehörigen – eine Million zusätzliche Sozialhilfeempfänger dem Land bescheren würde; und während der Frust der Herangetrommelten in der Enge ihrer Notunterkünfte bei einsetzender Winterkälte archaisch-kriminelle Mitbringsel ihres emotionalen Temperaments zur Entfaltung verhalf, und massive Polizeieinsätze den Alltag in den Heimen bestimmten, und zugleich die Angst der Terrorgefahr um ging…

… während alldem erschien sie im audiovisuellen Äther des Staatsfernsehens um zu bekräftigen, daß ihr Zahlen egal seien, und daß die Bürger kapieren sollten, es gäbe kein Entkommen aus ihrem "Plan"!

Ja, das kann sie. Mittlerweile haftet ihr nach manchem Kommentator etwas Irres an, manche sehen auch etwas Mystisches an ihr, was wohl aus dem Unerklärlichen ihrer Sturheit resultieren dürfte, die sie auch nach allmählich einsetzender Isolation tapfer verteidigt. (Als Ausweg aus der Aporie nahm mancher die Vermutung, sie hätte es auf den diesjährigen Friedensnobelpreis abgesehen, der tatsächlich in dieser Zeit anstand, zum Glück aber nicht an sie verliehen wurde.)

Merkel als kultureller Verstoß

"Die Zeit ist reif für eine Frau an der Spitze", oder "Es ist höchste Zeit für eine Frau". Erinnern wir uns? Das war die unablässige Kolportage, mit welcher der volkspädagogische Journalismus der Nullerjahre das Alltagsdenken penetrierte, als zugleich die Frau an der Spitze der CDU sich anschickte, die Frau an der Spitze des Staates zu werden. Es traf sich günstig, denn inzwischen galt auch für die einst konservative Partei Merkels das virtuelle Volk, das die Medien durch ihren veröffentlichten Meinungskodex in Sachen Geschlechter, Umwelt, Klima, Immigration und Multikulti gleich einer potemkinschen Kulisse aufgestellt hatten, als das Volk, das die Inschrift über dem Reichstagsportal meint. Das ist es aber nicht, und das wird heute immer deutlicher.

So nahm also die Partei ihre Merkel und machte sie zur Kanzlerin. "Kann dir dat?" Schnurzegal, sie wird es können müssen, schließlich könnte auch eine Kuh in die Erdumlaufbahn geschossen werden, wenn es nur der Wissenschaft diente. Oder der Partei. Ähnlich scheint auch Deutschlands prominenteste Feministin Merkels ersten Aufstieg innerhalb ihrer Partei empfunden zu haben. Der Spiegel einst dazu: "Ausgerechnet Schwarzer rutschte heraus, Angela Merkel sei an die Spitze der CDU 'gespült worden', wofür sie einen erstaunten Blick nicht nur der CDU-Chefin erntete und schnell ergänzte, sie meine das als Kompliment: Die Basis habe sie nach oben getragen."9 Ein mal Richtiges ausgesprochen, und es eilends wieder vernebeln müssen - Feministinnen…

Merkel wurde die erste deutsche Bundeskanzlerin. Das war eine Innovation, die für eine Partei im Westen des angehenden 21. Jahrhunderts Erneuerungsbeleg war. Dazu eine, die im konkreten Fall ausgerechnet den "Konservativen" den Bonus eines Vorsprungs im progressistischen Wettlauf der Blöcke brachte; die Letzten sollten nun die Ersten sein, oder: die CDU als Epochenmacher und ihr Neuer Mensch!

Das nun verlieh der Chefin einen Symbolwert, der zwar zu ihrer intellektuellen und charismatischen Unscheinbarkeit in krassem Kontrast stand, doch man wäre kein "Frauenfreund", wenn man nicht gelernt hätte, weibliche Hohlheit zu mystifizieren und den Leerraum, der da klafft, mit erahnten Qualitäten zu füllen, die "wir Männer" einfach nicht verstehen, weil uns die hohen Weihen des Mysteriums Frau naturgemäß versagt bleiben, und uns jede Äußerung von Zweifel und Mißtrauen zum Macho abzustempeln droht.

So schob die Partei ihre Monstranz vor sich her, übersah an ihr alles, was man nicht sehen sollte, ließ das erkorene Subjekt kompetenzlerisch vorangehen, deckte seine Versprecher mit Lacher und seine Patzer mit Beifall… - "Ich bedauere diesen Rücktritt auf das Allerhärteste"! - Die so Verwöhnte mauserte sich im komfortablen Kritikvakuum - Schonraum für Unantastbare -, sie lernte, daß irgendwie immer alles ging, was sie anstellte, und mimte im Laufe der Jahre mediogen so gut es ging Persönlichkeit, genauer eine, die man mit der exquisit-rätselhaften Raute-Handgeste einmal in die Chroniken eingehen sah.

Doch die Kaiserin hatte gar keine Kleider an! Die neuerliche Partie der von ihren devoten Höflingen Getragenen und manchen Bürgern Ertragenen, die zweite Partie, in der eine spontane Entscheidung angesagt zu sein schien (die erste war die berüchtigte Energiewende), könnte die letzte sein. Der fatalistischen "Es-wird-wohl-wieder-klappen"-Hoffnung – Merkels politischem Grundprinzip – scheint nämlich diesmal die Geduld ausgegangen zu sein. "Wir schaffen das!", der populistische Zuversicht-Fetisch, mit dem sie ihre Volksverdünnungsattacke startete, wurde ihr mittlerweile von ihren immer häufiger aufmuckenden Karrierebegleitern um die Ohren gehauen: "Viele Menschen können das nicht mehr hören." Sie sei falsch verstanden worden, "wir allein" habe sie ja nie gesagt, sondern es gleich europäisch, gar global gemeint. Und "Abschottung" (so nennen gewisse Politiker den souveränen Grenzschutz) sei im Zeitalter des Internet ohnehin nicht möglich, sonderte sie neulich auch noch von sich ab, als kämen die illegalen Einwanderer per File Transfer in ihr Land. Wobei, gemäß der Drohung, die sie anstelle einer erwarteten Entschuldigung gleich zu Beginn dieser Affäre aussprach, dies gar nicht unbedingt ihr Land ist. "Ich muß ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, daß wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

"Ganz ehrlich" hat sie das gesagt? Daß "wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen", so hat sie "ganz ehrlich" das Desaster umschrieben, in das sie das Land gestürzt hat, das womöglich nicht mal mehr ihres ist? Nach zuverlässiger Quelle soll sie noch dazu in einer der fast täglichen Krisenkonferenzen ihrer Fraktion verlautet haben, es sei ihr egal, ob sie "schuld am Zustrom der Flüchtlinge" sei. "Nun sind sie halt da.“

Bei diesen wenigen Impressionen aus dem Geschehnis dieser Tage verbleiben wir, zumal die dargelegten Ausdrücke und Begebenheiten aus einem Pool von Ereignissen herausgepickt sind, der anhaltend weitergefüllt wird. Was in den nächsten Wochen und Monaten sich auch ereignen mag, es könnte in Richtung eines neuen und neuartigen Deutschen Herbstes führen, und wir werden es mit der Spannung, die dem Historischen gebührt, aufnehmen.

Doch vorab und hier zugleich abrundend, wollen wir das Phänomen, das wir besichtigten, die Person Merkel an der Spitze einer so bedeutenden und komplexen modernen Nation und Gesellschaft, kurz noch in sein zentrales kulturgeschichtliches Moment hineinlegen, und es als Erzeugnis einer kulturellen Situation zu deuten, die man versucht ist, eine Gemütsstörung zu nennen – eine kollektive versteht sich. Diese hat gewiß mit einer Identitätsproblematik zu tun, ebenfalls einer kollektiven, doch dieses Thema gehen wir hier nicht weiter an.

Soviel sei  aber noch dazu gesagt: Die Geschichte des Nachkriegsdeutschlands wurde von einer nationalen Selbstzerfleischung dominiert, die in den Verrat der eigenen Kulturseele führte. Der Kulturseele, die über leuchtende Jahrhunderte hinweg der Welt den Geist der Dichtung und der Wahrheit, der Musik und des großen Gedankens schenkte. Der Kulminationspunkt dieses inneren Dramas einer Nation wurde dort erreicht, wo auch die einst konservativen Kräfte in der Politik, die arteigenen Bewahrer jenes kulturellen Erbes, von dem hohlen, geistverachtenden und essenzlosen Modernismus der "subversiv emanzipatorischen" - sprich gesellschaftsauflösenden – Ideologien ihrer einstigen Gegner, übernommen wurden. Für diesen Verrat, für diese besondere Schuld der Konservativen könnte sich ein Parteiengott keine passendere Strafe ausdenken als Angela Merkel. Sie hat sich nun vornehmlich bewährt und könnte als Nächstes samt Begleitung gehen.

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Anmerkungen:

1. Klonovskys acta-diurna, Beitrag vom 25 September 2015

2. welt.de, Friedrich Merz - Chef der alten, echten CDU

3. achgut.com, Was die EU zum islamistischen Terror beigetragen hat

4. welt.de, Am Ende werden die Muslime mehr sein als wir

5. faz.net, Die Journalisten der Kanzlerin

6. derwesten.de, Hollande lästerte... 

7. Die Telekom-Umfrage

8. n-tv.de, DDR-Vergangenheit holt Merkel ein

9. spiegel.de Frauenfrage...